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Eine kleine Weihnachtsgeschichte zum Selber-Lesen, Vorlesen oder Zusammen-Lesen.
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Weit und breit keine Mauseleiche: Eine Weihnachtsgeschichte

„Diese verdammte Maus!“, presst Ralf zwischen den Zähnen hervor und lässt den Kochlöffel, den er vorhin noch fröhlich pfeifend geschwungen hat, drohend in die Handfläche klatschen.
Ăśberall im Gartenhaus hat er Fallen verteilt und trotzdem hat er den kleinen Nager gerade wieder quicklebendig durch den verschneiten Garten flitzen sehen.

„Dich krieg ich noch!“, flüstert er entschlossen, als ihn plötzlich eine kleine Hand antippt.
„Hast du gesehen, Papa?“, ruft Anton quietschend vor Aufregung: „Luigi ist durch den Garten gerannt! Da, siehst du? Er hat ganz viele kleine Abdrücke in den Schnee gemacht.“
Ralf starrt Anton ungläubig an: „Luigi? Du hast der Maus einen Namen gegeben?“
„Natürlich“, nickt Anton emsig, als müsse logischerweise jede Maus auf der Welt einen Namen haben. „Wenn ich ihn rufe, dann muss er doch wissen, dass er gemeint ist.“
Ralf runzelt die Stirn.
Wenn es klappt, wie er es plant, wird Luigi schon bald nur noch Mäuseengelchen nach ihm rufen hören.

„Freunde dich lieber nicht mit ihr an“, sagt er dann und legt Anton ganz väterlich die Hand auf die Schulter. „Die Maus wird nicht mehr lange bei uns sein.“
„Warum denn?“, fragt Anton sichtlich traurig, und beantwortet sich seine Frage dann gleich selbst: „Ach, bald ist ja Weihnachten. Da will Luigi bestimmt bei seiner Familie sein.“
„Genau“, sagt Ralf und tätschelt Anton gedankenverloren die Schulter. Als Anton freudig aus dem Zimmer hüpft, um seine Gummistiefel zu suchen und auch ein paar Spuren in den Schnee zu stampfen, murmelt Ralf ganz leise: „Heute Abend stelle ich gleich noch ein paar mehr Fallen auf. Diesem Vieh geht es noch heute Nacht an den Kragen!“

„Bist du immer noch mit der Maus zugange?“, fragt Antje, die nun hinter Ralf steht, kopfschüttelnd. „Lass das arme Tier doch einfach mal in Ruhe. Soll es halt im Schuppen überwintern. Da ist doch eh nichts Wichtiges drin.“
Und Ralf? Der räuspert sich nur kurz und schweigt.
Dass er sehr wohl etwas ganz Wichtiges im Schuppen versteckt hat, das behält er lieber für sich.

*

Luigi hat sich durch das kleine Erdloch gleich rechts neben dem Schuppen erfolgreich ins Trockene gezwängt. Er schüttelt sich ausgiebig und rümpft das fast gefrorene Näschen, bis er sich sicher ist, dass kein Eiszapfen daran hängt.
„Endlich drinnen“, denkt er sich und ist froh, dass das Tagwerk für heute geschafft ist. Er hat erledigt, was als pflichtbewusster Mäusemann eben so zu erledigen ist, und ist dabei mehrfach bis auf die kleinen Mäuseknochen nass geworden. Die Menschen wissen ja gar nicht, wie sehr Mäuse nasse Füße hassen – und erst recht leuchtend rote, fast gefrorene Nasen.

Luigi klettert vorsichtig an dem Holzregal nach oben, das der große Mensch im Laufe der letzten Tage mit mehr und immer noch mehr Mäusefallen gespickt hat. Einmal hat Luigi eine Maus in so eine Falle tappen sehen und diesen Anblick wird er nie wieder vergessen. Zum Glück ist Luigi von Haus aus eine besonders vorsichtige Maus. Ihm wird so etwas nicht passieren!

Flink und behände krabbelt er am Regal empor und freut sich bei jedem Schritt auf sein Abendessen.
Zuerst hat er sich durch den kleinen Sack Vogelfutter gefressen, den der groĂźe Mensch abgestellt hatte. Irgendwann hat ihn dann der kleine Mensch bemerkt, und der bringt ihm seitdem jeden Tag etwas Gutes zu essen.
Luigi ist keine sehr wählerische Maus und bestimmt auch kein Mäusegourmet. So gut wie der Mini-Mensch hat aber noch nie jemand für ihn aufgetischt.
Neulich gab es beispielsweise drei ganze Nudeln mit Hackfleischkrümeln und einer leckeren Tomatensoße. Dann gab es Kloßstückchen mit einem Teelöffelchen Rotkohl und dem besten Stück Wurst, das Luigi je gegessen hat.
Zum Frühstück hat er heute ein paar extragroße Stutenkrumen bekommen, mit herrlich süßen Rosinen. Und jetzt liegt da ein Stück Käse, das jeder Maus den Speichel im Mäusemund zusammen laufen lässt.
Während Luigi sich den Käse schmecken lässt, starrt er auf die kleine Box aus Holz, die ganz hinten im Regal steht; versteckt unter Holzabfällen, hinter denen sie nur noch für scharfe Mäuseaugen überhaupt zu sehen ist.

Seit er hier Unterschlupf gefunden hat, kämpft Luigi mit dieser Truhe. Doch seine kleinen Mäusehändchen können sie nicht öffnen. Und selbst die bewährte Mäusemethode, sich einfach durchzunagen, hat bei diesem harten Holz zu vielen kleinen Zahnabdrücken, aber nicht zu einem Weg nach innen geführt.
So mümmelt Luigi nachdenklich den Käse und fixiert mit seinen Mäuseäuglein das geheimnisvolle Holzkästchen.
Warum hat der groĂźe Mensch die kleine Truhe in den Schuppen gestellt?
Was versteckt er darin?

*

Ralf läuft im warmen Wohnzimmer auf und ab und starrt argwöhnisch durch die Terrassentür.
Der kleine Schuppen ist so voll mit Fallen, dass die Maus quasi kaum noch hineinpasst – und trotzdem ist weit und breit noch immer keine Mauseleiche zu entdecken.
Nur winzige Fußabdrücke im frischen Schnee, die überdeutlich zeigen, dass der störrische Nager immer noch am Leben ist.

„Wo geht Luigi denn immer hin?“, fragt Anton, der sich offensichtlich wieder leise angeschlichen hat. „Muss er arbeiten? So wie du? Kriegt er dann auch Geld dafür? Und ist das Mausegeld oder Menschengeld?“
„Keine Ahnung, wo die Maus immer hin läuft“, fällt Ralfs knappe Antwort aus. „Ich verstehe ja nicht mal, wieso sie noch hier ist. Im Schuppen gibt es nichts mehr zu essen. Und ich habe doch überall –…“
Ralf beißt sich auf die Zunge. Fast hätte er gesagt: „Fallen aufgestellt, um dem Mistvieh endlich den Garaus zu machen.“
„Ach“, will Anton seinen Vater beruhigen, „mach dir keine Sorgen. Der Luigi muss nicht hungern. Ich bringe ihm schließlich jeden Tag etwas von meinem Essen.“

„Was tust du?“, brüllt Ralf lauter als ihm lieb ist und es tut ihm direkt leid. „Du fütterst die Maus?“, fragt er leiser.
„Natürlich“, antwortet Anton, der sichtlich verwirrt ist. „Luigi muss doch satt und stark sein, damit er im Schuppen um die ganzen Fallen klettern kann, die du zum Training für ihn aufgebaut hast.“
Während Ralf nach Luft schnappt, hört er Antje hinter sich lachen.
„Luigi scheint wirklich eine toll trainierte Maus zu sein“, pflichtet sie Anton bei. „Das Plätzchen bei uns im Schuppen hat er sich definitiv verdient.“
Anton und Antje nicken vergnĂĽgt, nur Ralf starrt finster nach drauĂźen.
Er braucht eine neue Strategie. Sonst frisst sich die Maus am Ende doch noch in die Truhe.

*

Luigi hat das Mini-Butterbrot verspeist, das der kleine Mensch ihm gebracht hat, und aufmerksam die Ohren gespitzt, als der ihm erklärte, dass das Glitschig-Grünliche daneben eine Gewürzgurke sei.
Die meisten Menschen wissen nicht, dass die Mäuse sie bestens verstehen. Sie antworten nur nie. Aber das scheint den kleinen Menschen überhaupt nicht zu stören. Jeden Tag kommt er vorbei und erzählt Luigi etwas.

Heute war er so lange im Schuppen, dass Luigi schon fĂĽrchtete, der groĂźe Mensch wĂĽrde ihn suchen kommen. Aber der lieĂź sich zum GlĂĽck nirgends blicken.
So hat Luigi mit offenem Mäusemund andächtig zugehört und manches Mal gestaunt, als der kleine Mensch ihm von Weihnachten erzählte, das am nächsten Tag kommen soll.

Von Würstchen und Kartoffelsalat hat der Mini-Mensch geschwärmt, von einem riesigen Baum mit bunten Kugeln, der sogar noch leuchten wird. Von Geschenken, die in hübsches Papier gewickelt sind und erst am Abend geöffnet werden dürfen. Und immer wieder hat sich vor Freude die Stimme des kleinen Menschen überschlagen. Auf und ab ist er gehüpft in seinen gelben Gummistiefeln und hat sogar schon mal ein Weihnachtslied für Luigi zur Probe gesungen.

Luigi fand dieses Weihnachten auf Anhieb ganz wunderbar. Er fragt sich nur, warum der groĂźe Mensch so wĂĽtend ist, wenn so etwas Tolles vor der TĂĽr steht.
Warum freut der sich nicht auf Weihnachten wie der Kleine in den Gummistiefeln?
Luigi grübelt und grübelt, trippelt auf und ab und legt die kleine Mäusestirn in tiefe Grübelfalten.

Es gibt nur einen logischen Schluss: Das Ganze muss etwas mit der geheimnisvollen Truhe zu tun haben.
Heute Nacht wird Luigi sich nach innen nagen. Und dann weiĂź er endlich, was mit dem groĂźen Menschen los ist.

*

Ralf starrt fassungslos auf die hölzerne Truhe. An der linken Seite prangt ein dickes Loch.
Da, wo gestern noch sein bestgehütetes Geheimnis auf Weihnachten gewartet hat, ist nun absolut nichts. Gar nichts. Nur noch gähnende Leere.

Er packt die Box, rĂĽttelt und schĂĽttelt, dreht sie auf den Kopf und schĂĽttelt sie noch fester.
Es bleibt dabei.
Nichts.
Der Inhalt ist verschwunden.
Ralf starrt auf die leere Schachtel, als könnte er den Inhalt zurück hinein hypnotisieren.
„Das darf nicht wahr sein!“, flüstert er wieder und wieder.
Es ist Weihnachten. Die Geschäfte haben zu. Und sein Geschenk für Antje ist verschwunden.

„Verdammt noch mal!“, schreit Ralf und wirft die leere Truhe in die Ecke. Gleich vier Fallen löst er dabei aus, die laut schnappend durch die Luft sausen.
„Was ist los, Papa?“, fragte Anton, der schon wieder plötzlich da steht, und schaut seinen Vater sichtlich besorgt an. „Ist Luigi etwas passiert?“
„Luigi! Luigi! Ein Dieb ist das, eine ganz miese Maus, ein undankbares Mistvieh. Beklaut hat er mich. Und heute ist Weihnachten. Und jetzt habe ich nichts für die Mama.“
„Für die Mama?“, fragt Anton ratlos. „Aber wieso brauchst du denn was für die Mama? Die Geschenke bringt doch –…“ „Na klar“, fällt ihm Ralf da hektisch ins Wort, „aber ich wollte deiner Mama auch noch etwas schenken. Etwas von mir. Etwas, über das sie sich wahnsinnig gefreut hätte.“
Anton sieht seinen Vater weiter fragend an.
Und der erzählt ihm nun alles.

Dass Mamas Schwester neulich ganz nebenbei erwähnt hat, dass sie einen goldenen Ring von Mamas Oma auf dem alten Dachboden gefunden hat. Dass Mamas Schwester wohl gar nicht wusste, dass die Oma den Ring Mama vererben wollte.
Dass sich Mama und ihre Oma bei jedem Spaziergang an der Hand gehalten hatten und die Oma dabei immer diesen Ring getragen hatte. Dass Mama untröstlich war, als die Oma ganz plötzlich nicht mehr da und mit einem Mal auch der Ring verschwunden war.
Dass Ralf es kaum glauben konnte, dass der Ring nun doch noch aufgetaucht war. Und dass er ihn extra aufarbeiten lassen hatte, damit er wieder genauso funkelte und blitzte wie an der Hand der Oma, wenn Mama und sie spazieren gingen.

Ralf erklärt Anton, dass er den Ring im Schuppen versteckt hatte, damit Mama, die immer hinter den beiden her räumt, ihn definitiv nicht finden würde. Dass er sich seit Wochen darauf gefreut hat, ihr unter dem Weihnachtsbaum die alte Holztruhe von ihrem Opa mit dem Ring ihrer Oma darin zu überreichen.
„Aber jetzt ist er weg“, schließt Ralf seine Erzählungen niedergeschlagen ab. „Diese elende Maus hat den Ring geklaut und deine Mama wird ihn nie bekommen.“

Anton runzelt die Stirn und kratzt sich verwirrt am strubbeligen PudelmĂĽtzenkopf.
„Aber … Was soll Luigi denn mit dem Ring? Der ist doch viel zu groß für ihn.“
„Was weiß ich“, grummelt Ralf. „Vielleicht verbuddelt er ihn irgendwo. Vielleicht hält er sich für eine Elster. Vielleicht trägt er den Ring als Kette. Vielleicht ist er einfach nur ein mieser Dieb.“
„Luigi doch nicht!“, ruft Anton empört.
Es muss eine bessere Erklärung geben.

„Oh nein!“, flüstert Anton plötzlich und sieht seinen Vater ängstlich an.
„Ich glaube, ich bin schuld daran.“ Er tritt von einem Bein aufs andere und knetet seine Hände, die in kleinen Fäustlingen stecken.
„Du?“, fragt Ralf ungläubig. „Was sollst du denn damit zu tun haben?“
„Das mag ich nicht sagen“, flüstert Anton.
„Aber ich werde es gerade biegen.“

*

Luigi ist ausnahmsweise schon nachmittags zurĂĽck.
Auf Heiligabend muss man sich vorbereiten, da darf man sich nicht hetzen, hat der kleine Mensch gesagt.
Luigi hat sich vorgenommen, sich später ganz nah ans Terrassenfenster zu schleichen und sich diesen riesigen Baum, der dann auch noch leuchten soll, aus nächster Nähe und mit eigenen Mäuseaugen anzusehen.
Gedankenverloren und voller Vorfreude krabbelt Luigi durch das Loch in den Gartenschuppen und stößt vor Schreck ein schrilles Mäusequieken aus.
Da steht der kleine Mensch.

„Ach, Luigi“, ruft Anton ganz aufgeregt und redet sofort wie ein Wasserfall auf die verdatterte Maus ein. Er ist so aufgeregt, dass er fast mehr mit den Händen als mit Worten spricht und die ganze Zeit über sieht er Luigi mit weit aufgerissenen Augen an.
Als er fertig ist, ist er ganz aus der Puste.
„Ich weiß, dass du mich verstehst“, sagt er schließlich verschwörerisch.
„Bitte, bitte hilf mir.“

*

Der Gänsebraten und das Zimteis sind verspeist, die Lieder gesungen und die Geschenke ausgepackt.
Antje, Ralf und Anton liegen vollgefuttert in ihren quietschbunten WeihnachtsschlafanzĂĽgen auf dem grĂĽnen Sofa und wollen sich den Weihnachtsfilm anschauen, den Antons Vater jedes Jahr zum Abschluss des Abends anmacht.
Gerade ertönt die Titelmelodie, die Anton sonst immer lauthals mitsingt, als sein Blick auf die Terrassentür fällt.
„Papa!“, schreit er, und springt auf. „Ich hab es doch gewusst! Komm schnell!“

Der verdatterte Ralf weiĂź gar nicht, wie ihm geschieht, als Anton ihn an der Hand vom Sofa zieht und strahlend zur TerrassentĂĽr rennt.
Zögernd öffnet Ralf die Tür und bleibt mit offenem Mund fassungslos auf der Schwelle stehen.

Winzig kleine Mäusespuren führen direkt vor ihre Füße.
Und mitten im Schnee funkelt ein wunderschöner goldener Ring.

Ralf läuft auf Strümpfen quer durch den Garten und holt die kleine Holztruhe hinten aus dem Schuppen. Behutsam legt er den Ring wieder hinein und schaut Anton an.
Der strahlte von Ohr zu Ohr und ruft triumphierend: „Siehst du? Der Luigi ist kein Dieb.“
„Aber …“, stottert Ralf und da steht Antje auch schon neben ihnen.
„Was macht ihr denn da?“, fragt sie lachend.
Und dann entdeckt sie die Truhe.

Mit offenem Mund starrt sie abwechselnd Ralf, die Truhe und Anton an.
„Ist das …?“, fragt sie leise.
„Die Truhe von deinem Opa“, antwortet Ralf stolz und reicht sie ihr vorsichtig an.
Antje greift genau an das große genagte Mäuseloch, schmunzelte aber nur und sagt: „Da hat Luigi aber ganze Arbeit geleistet.“
Sie öffnet die Truhe und lässt sie fast fallen, so überrascht ist sie.
Mit zittrigen Fingern hebt sie den Ring aus der Schachtel und als sie ihren Mann ansieht, purzelt auch schon die erste Träne.
„Nicht weinen, Mama“, ruft Anton schnell, „Luigi hat den Ring doch wieder zurückgebracht.“

„Zurückgebracht?“ fragt Antje, als sie sich die Tränen von den Wangen wischt.
„Ja, weil …“, druckst Anton erst noch herum und zeichnet mit seinen bestrumpften Füßen kleine Kreise in den Schnee. Dann fasst er sich ein Herz.

„Neulich war da nämlich ein Regenbogen. Da hinten, über dem Feld. Und da habe ich Luigi von der Sache mit dem Gold erzählt. Das Gold, das man am Ende von so einem Regenbogen findet. Eigentlich. Denn ich habe noch nie welches gefunden. Egal, wie lange ich gesucht habe. Und ich habe viel gesucht, denn Papa hat ja gesagt, dass Weihnachten ein Vermögen kostet. Und ich mag Weihnachten doch so.“
Anton legt eine kurze Pause ein, um Luft zu holen und um sich zu vergewissern, dass seine Eltern noch zuhören.

„Na jedenfalls habe ich Luigi dann erzählt, dass irgendjemand das Gold vor mir gefunden haben muss und alles mitgenommen hat. Und wie doof ich das finde. Ich hätte nämlich für die anderen auch noch etwas da gelassen, damit niemand umsonst suchen geht. Ihr sagt doch auch immer, dass man teilen soll. Gerade an Weihnachten. Und dass man sonst nur selber unglücklich wird. Deshalb habe ich zu Luigi gesagt: „Wenn ich jemals Gold finde, dann warte ich, bis ich wieder einen Regenbogen sehe und dann vergrabe ich da ein bisschen was von meinem Schatz. Damit niemand mehr enttäuscht sein muss. Damit ich selber nicht unglücklich werde. Und damit sich jeder, der will, Weihnachten auch leisten kann.““

Ralf und Antje sehen sich an. „Okay“, sagt Ralf, „Und jetzt denkst du, dass …“ „Dass der Luigi mir natürlich gut zugehört hat. Der mag Weihnachten doch auch. Dann hat er deinen Goldschatz gefunden. Bestimmt wollte er nur jemandem eine Freude machen, Papa, und dafür sorgen, dass du nicht mehr unglücklich bist. Du warst doch immer so schlecht gelaunt, wenn du bei Luigi im Schuppen warst. Der wollte den Ring bestimmt verbuddeln. Da, wo zuletzt ein Regenbogen war.“

Ralf und Antje müssen schmunzeln. „Na, das ist aber … nett von Luigi“, sagt Ralf.
„Ja klar“, sagt Anton. „Aber dann habe ich Luigi erklärt, warum du den Ring wieder brauchst. Dass das kein Goldschatz war, sondern Mamas Schatz. Und dass du gar nicht gierig und unglücklich warst, sondern bloß aufgeregt. Wegen Mama. Und wegen Weihnachten. Da hat er den Ring sofort wieder gebracht.“
„Klingt logisch“, lacht Antje, „aber jetzt gehen wir mal wieder rein. Wir haben ja alle schon Eisfüße.“

„Oh, Eisfüße!“, ruft Anton, dem offenbar noch etwas wahnsinnig Wichtiges eingefallen ist. Er spurtet nach drinnen und kommt wenige Augenblicke später mit einem kleinen Teller und einem alten Putzlappen zurück in den Garten.
„Was machst du denn jetzt?“, fragt Ralf.
„Luigi hat noch gar kein Weihnachtsessen von uns bekommen. Das soll er sich gleich schmecken lassen.
Und das hier ist eine Extra-Mäusedecke. Mäuse mögen nämlich keine kalten Füße.
Wusstet ihr das nicht?“

Eine Kurzgeschichte ĂĽber (m)eine Stempelliebe.
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Die Oma hat es vorgemacht

In den Rollcontainern in meinem Homeoffice lagert allerlei Professionelles – von Textmarkern und Büroklammern bis hin zu Steuerbelegen. Drei Schubladen gehören aber einer (nicht wirklich) geheimen Liebe von mir: Stempeln. In verschiedensten Größen und mit ganz unterschiedlichen Motiven. Als ich heute in den Schubladen gewühlt habe, ist mir diese (wirklich kurze) Kurzgeschichte zur Stempelliebe wieder eingefallen.

***

Oh, wie schön das früher war!
Stempeln war für Sofie schon immer das Größte.

Als sie noch klein war, arbeitete ihre Oma bei der Post.
Da wurden Briefe noch von Hand gestempelt.
Die Oma hat es vorgemacht: Den Stempel fest auf das Stempelkissen drücken und mit zusammengekniffenen Augen sorgfältig prüfen, ob sich die tiefschwarze Stempelfarbe tatsächlich gleichmäßig verteilt hat.
Dann den Stempel vorsichtig auf den Umschlag pressen.
Kräftig genug, damit alles zu lesen war, aber niemals, niemals mit Gewalt.

Und: „Immer schauen, dass die Briefmarke noch gut aussieht. Nicht einfach ĂĽber Gesichter stempeln“, hat die Oma Sofie augenzwinkernd eingeprägt.
„Vielleicht hat sich jemand viel Mühe gegeben und für einen lieben Menschen genau diese Marke ausgesucht.
Oder es ist ein offizieller Brief, der an einen strengen Vorgesetzten geht. Dem fällt ein schlampiger Stempel bestimmt sofort auf. Und dann hat er schlechte Laune und schimpft seine armen Mitarbeiter wegen Nichtigkeiten aus.“

Sofies Oma hatte nie schlechte Laune.
Sie wartete geduldig ab, bis Sofie auf den viel zu hohen Stuhl geklettert war.
Sie sah schmunzelnd zu, wie Sofie mit der schwarzen Tinte ihre kleinen Finger beschmierte, aber niemals die gute Post.
Und sie hörte stundenlang zu, wie Sofie sich abenteuerliche Geschichten zu den Briefen und den Menschen dahinter ausdachte.

Als ihre Oma starb, wollte Sofie nur ein einziges Erbstück haben: Den wunderschönen Stempel, den der Filialleiter der Oma einmal zum Betriebsjubiläum geschenkt hatte.
„Weil niemand sonst so sorgfältig stempelt“, hatte er erklärt. Und weil niemand sonst dieses kleine Glück so zu schätzen wusste.
Niemand auĂźer Sofie.
Denn der hüpft heute noch das Herz, wenn sie den Stempel andächtig aufs Papier presst.

Jonas' Sinnsuche: Eine kurze Sinngeschichte
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Jonas steht im Wald

Es ist Sonntagabend, 18.30 Uhr, und Jonas steht im Wald.
Wortwörtlich, weil er sich allen Ernstes beim Joggen ganz mächtig verlaufen hat und das angeblich so smarte Smartphone natürlich gerade jetzt kein Netz hat.
Aber durchaus auch sprichwörtlich. Weil Jonas nächste Woche 33 wird, immer noch „irgendwas mit Medien“ macht und ihm kein Podcast dieser Welt bisher erklären konnte, wo es für ihn ganz konkret hingehen und wie es für ihn weitergehen soll.

Jonas atmet zweimal tief durch, beobachtet die Wolken, die sein Atem in der kalten Waldluft bildet, und zieht sich schließlich die ebenso stylischen wie teuren XXL-Kopfhörer von den Ohren.
Gerade hat er sich noch erklären lassen, wie er „die Erfolgsspur kristallklar visualisieren“ und sich damit „an allen anderen vorbei zum Erfolg katapultieren“ kann.
Schade nur, dass er gar nicht weiĂź, wie genau Erfolg fĂĽr ihn aussieht. Und wohin er sich katapultieren soll.

Der geleaste schwarze Audi roch kurzfristig nach Erfolg.
Nach wenigen Wochen hatte sich das aber genauso verflĂĽchtigt wie der schicke Neuwagenduft.

Also investierte Jonas in eine Luxusuhr.
Die 26.000-Euro-Rolex lieĂź ihn zweifelsohne so richtig erfolgreich aussehen.
Jedenfalls für eine Woche. Danach schien ihn der Klunker an seinem Handgelenk förmlich zu Boden zu ziehen und ihn sekündlich daran zu erinnern, dass seine Zeit abläuft.
Dass er nicht mehr viel Zeit hat, endlich loszulegen. Und so richtig sein „Best Life“ zu leben.

Selbst der Urlaub auf Bali, den Jonas daraufhin für sich und „Babe“ buchte, war im Nachhinein ein Reinfall.
Seine Freundin hatte häufiger auf ihr Handy geschaut als in seine Augen und sich deutlich mehr für Instagram-Herzchen als für Real-Life-Herzklopfen interessiert.
Auf dem Heimflug hatte sie noch unter dem Hashtag „leavingparadise“ ein Bild mit Schmolllippe gepostet (natürlich mehr sexy als traurig), und während er sich die Schlafmaske aufsetzte und den Sitz zurückstellte, hatte er nur „#paradisemyass“ gedacht und sich ganz fest vorgenommen, etwas zu verändern.

Fast fünf Wochen später hat er immer noch keine Ahnung, was genau er ändern soll.
Geschweige denn, wie.

So steht er da also, mitten im Wald, schaut abwechselnd nach rechts und nach links und fragt sich immer wieder, wohin.

Er atmet ein, er atmet aus, und setzt sich in Bewegung.

Wenn man nicht weiĂź, wo es hingehen soll, bleibt schlieĂźlich nur eins:
Augen zu.
Und ab durch die Mitte.

Eine kleine aufmunternde Geschichte fĂĽr alle Sorgen-Susis
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SorgenerdrĂĽckte wie sie

Das Leben ist ja bekanntlich ein Auf und Ab.
Dieses Jahr war über weite Strecken leider ausschließlich ein Ab, und ich habe mir oft ziemliche Sorgen gemacht. 

Diesen Text widme ich den Sorgen.

***

Sie schlieĂźt kurz die Augen, atmet tief durch und beschlieĂźt, sich nicht umzudrehen.

„Warum ist die Frau so langsam?“, hatte ein Stimmchen hinter ihr lauthals gekräht und eine ältere Stimme hatte geantwortet: „Weil sie alt ist. Hetz sie nicht, das ist nicht nett.“

„Jemanden alt zu nennen, ist auch nicht nett“, gibt sie im Geiste zu bedenken und legt vorsichtig ein Paket Frischkäse aufs Kassenband.

Das krähende Stimmchen ist noch nicht fertig mit ihr: „Ist sie deshalb auch so krumm?“
„Psst!“, macht die ältere Stimme und flüstert scharf und für ein Flüstern schlichtweg viel zu laut: „So was sagt man doch nicht laut. Aber ja, alte Menschen haben oft krumme Rücken.“

„Aber keine tauben Ohren“, erwidert sie wieder nur innerlich und legt drei abgezählte, abgewogene und etikettierte Äpfel aufs Band.

Mit der Zeit ist sie mĂĽde geworden.

Müde, den Leuten immer wieder zu erklären, dass es nicht ist, wie es offenbar scheint.

Dass sie gar nicht alt ist und erst recht nicht alterskrumm.
Dass sie jahrelang von Arzt zu Arzt gerannt ist.
Dass ihr trotzdem niemand sagen konnte, was mit ihr nicht stimmt.

Dass sie immer krummer wurde.
Immer faltiger.
Und immer grauer.

Dass sie vor acht Monaten plötzlich nur noch schlurfen konnte.
Und morgens oft so kraftlos war, dass sie sich kaum aus dem Bett quälen konnte.

Die Ă„rzte hatten noch einmal alles untersucht, was sie nur untersuchen konnten.
Hatten sie auf alles getestet, was ihnen auch nur im Entferntesten einfiel.
Und ihr so viel Blut dabei abgenommen, dass sie Badewannen hätten füllen können.

Hinter den vielen groĂźen Worten stand am Ende immer nur ein Ergebnis:
Niemand wusste, was mit ihr nicht stimmt.

Bis sich ein Arzt räusperte und verlegen auf den Boden schaute, während er erklärte: „Eigentlich sollte ich es nicht sagen. Aber wenn ich es nicht besser wüsste … Dann würde ich sagen, Sie sorgen sich einfach zu viel.“

„Was?“, hatte sie ungläubig gefragt.
Er hatte kurz gezögert und dann gesagt: „Glauben Sie mir, ich weiß, wie das klingt. Gerade ich als Arzt. Aber körperlich sind Sie kerngesund. Ihre Sorgen machen Sie krank.“

Sie starrte ihn an und wusste nicht, was sie antworten sollte.
„Überlegen Sie doch mal“, versuchte er es noch einmal, „die Falten in Ihrem Gesicht. Mit Mitte 20. Das sind klassische Sorgenfurchen.
Die dauerhaft nach unten gezogenen Mundwinkel. Und der gramgebeugte RĂĽcken.
Sie werden von Ihren Sorgen erdrückt.“

Empört war sie aus dem Untersuchungszimmer geschlurft – und hatte sich gesorgt.

Was, wenn der Arzt tatsächlich Recht hatte?
Was, wenn ihre Sorgen sie krankmachten?
Was, wenn sie nicht aufhören konnte, sich zu sorgen?
Was, wenn ihre Sorgen sie umbrachten?

Zwei Wochen rang sie jede Minute mit sich und machte sich noch mehr Sorgen als sonst.
Sie wurde noch faltiger, noch grauer und noch krummer.
Als das Telefon klingelte und sie ein Reporter zu ihrer „kuriosen Krankheit“ befragen wollte, da spürte sie förmlich, wie sich die nächsten Sorgenfalten in ihr Gesicht gruben.

Sie hatte einfach aufgelegt und war im Schneckentempo in den Supermarkt geschlurft. 
Und da steht sie nun an der Kasse, mit körnigem Frischkäse, abgezählten Äpfeln und der quietschigen Kinder-Krähstimme hinter sich.

Während sie sich gerade sorgt, ob sie noch genug Bargeld im Portemonnaie hat (und wenn nicht, ob ihr wohl ihre PIN einfallen oder sie alles blockieren und den Zorn der anderen Einkäufer auf sich ziehen wird), macht es hinter ihr laut „Hatschi!“.

Sie erstarrt zur gramgebeugten Salzsäule.

Ihr Nacken ist nass und klebt, und vor lauter Ekel und Sorge vor Bakterien, bekommt sie sofort Gänsehaut.
Langsam dreht sie sich um.

Hinter ihr steht ein kleiner rothaariger Junge im leuchtend grĂĽnen Hulk-T-Shirt, der sie aus riesengroĂźen Kulleraugen starr vor Schreck ansieht.
Und während der sommersprossige Knirps die Luft anhält, rollt ihm wie in Zeitlupe ein dicker Knubbel Schnodder aus der Nase.

Glitschig und grünlich und fürchterlich rollt der Glibber-Knubbel Millimeter für Millimeter abwärts und lässt den schreckensstarren sommersprossigen Mini-Hulk dermaßen skurril aussehen, dass sie nicht mehr an sich halten kann.

Sie prustet los und spuckt und lacht und kriegt sich nicht mehr ein.
Sie hält sich den Bauch und japst nach Luft und kann nicht aufhören zu lachen.

Der Schnodder-Knirps erwacht aus seiner Starre und lacht mit seinem Krähstimmchen mit.
Dann stimmt auch seine Mutter mit ein und gemeinsam stecken sie zuerst die Kassiererin und dann jeden anderen im Umkreis von 5 Metern um die Kasse an.

Sie lachen und lachen, und halten sich die Bäuche und schütten sich förmlich aus.
Während ihr die Lachtränen die Wangen hinunterlaufen, spürt sie es plötzlich:
Aus zwei Sorgenfurchen im unteren Drittel am linken Auge werden auf wundersame Weise zwei kleine, feine Lachfältchen.

Da lacht sie noch lauter und biegt sich noch krummer und hält sich den Bauch noch fester.
Es gibt also doch noch Hoffnung.
Selbst fĂĽr SorgenerdrĂĽckte wie sie.

Keinen Freund auf dieser Welt
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Keinen Freund auf dieser Welt

Die allererste Kurzgeschichte auf diesem Blog ist die Geschichte von Gitte.
Gleichzeitig ist sie aber auch meine Geschichte. Oder genauer gesagt: (m)eine Geschichte davon, wie nah Triumph und Niederlage beieinander liegen.

Die kleine Erzählung war mein Beitrag zu einem Schreibwettbewerb mit dem Thema „Unter Freunden“. Ewig habe ich überlegt, was ich dazu erzählen könnte, sollte, wollte. Dann habe ich ewig und drei Tage mit dem Text gerungen.
Ich habe verzweifelt versucht, die Tastatur zu hypnotisieren, frustrierte „Gnaaah!“-Laute ausgestoßen, das Schreiben an sich und mein Schreiben im Besonderen verflucht und zwischendurch ungefähr 13 mal entschieden, dass diese Geschichte eben niemals zu Ende erzählt werden wird.
Wurde sie dann doch – und ich war stolz wie Bolle. Oder Oskar. Oder wer auch immer sonst besonders stolz ist.

Da stand ich also, freudentaumelig-glücklich, vor fertig abgezählten Papierstapeln, hochmotiviert und endlich bereit, alles einzutüten und loszuschicken. Und als ich nach der Anschrift suchte, stellte ich plötzlich fest: Ich hatte den Einsendeschluss bereits um 5 Tage verpasst.
Tja.
Suboptimal.

Gittes Geschichte soll und muss aber trotzdem hinaus in die Welt.
Und deshalb erzähle ich sie euch.

***

Gitte ist 93 Jahre alt und hat keinen Freund auf dieser Welt. Nicht einen einzigen.

Nicht, weil alle gestorben wären, auch wenn die Jüngeren das automatisch annehmen, wenn sie mitleidig flüsternd über Gitte sprechen und kopfschüttelnd schwermütig seufzen.
Als sei Gitte die letzte Schreibmaschine ganz hinten im Keller, die einfach nur nicht weiß, dass es sie längst nicht mehr geben dürfte.
Gitte gibt es noch immer. Und sie hat keinen einzigen Freund, weil niemand ihr Freund sein will.

Nun sieht Gitte gar nicht aus, wie man sich einen Mensch ohne Freunde gemeinhin so vorstellt.
Sie hat keine Zornesfalten, keine abschätzigen Augen und keine vergrämten Züge.
Sie ist freundlich zu jedem, denkt nicht einmal Böses und frisst schon gar keine Kinder.
Und doch ist sie ganz allein auf der Welt, ohne einen einzigen Freund.

Als Gitte gerade 11 Jahre alt war, da dachte sie, sie hätte eine Freundin. Vielleicht sogar eine beste.
Aber dann hatte Gitte ehrlich geantwortet, dass dem kurzsichtigen Mädchen die neue Brille nicht stand die vermeintliche Freundin hatte unter Tränen geschrien: „Eine echte Freundin sagt so etwas nicht!“
So hatte Gitte gelernt, dass man unter Freunden vielleicht schwor, keine Geheimnisse zu haben, aber manches doch besser verschwieg.

Mit 24 Jahren dachte sie, sie hätte ihren Seelenverwandten gefunden. Friedrich hieß er und oh, wie hatte er sie verzaubert.
Ein stattlicher junger Mann mit tiefblauen Augen, der mit seinem Vater Brieftauben züchtete und die fliegenden Boten mit schönsten Briefen zur hoffnungsvollen Gitte schickte.
Als Gitte ihm schließlich ihre Liebe gestand, kam lange keine Taube. Es kam nur noch einmal eine zu ihr, mit einem Zettel, auf dem stand: „Ich wünschte so sehr, wir könnten zurück und wieder Freunde sein.“
Und so hatte Gitte schmerzlich gelernt, dass Freundschaft vielleicht auch eine Art von Liebe war, aber sie ihre doch besser verschwieg.

Mit 59 Jahren hatte die verunsicherte Gitte eine Gleichgesinnte gefunden.
Auch sie war Künstlerin, auch sie liebte schwere Ketten und weit schwingende Kleidung und auch sie wusste Rotwein zu schätzen.
So teilten sie sich viele Flaschen an vielen Abenden, malten Bilder, so gut wie noch nie und vertrauten sich allerhand an. Die vorsichtige Gitte schöpfte neuen Mut. Bis sich ihre Bilder viel besser verkauften und die vermeintliche Vertraute von der Eifersucht gepackt wurde.
Mitten auf Gittes Vernissage erklärte sie vor allen: „Gitte hat eben viel Zeit zum Malen, sie wurde ja von allen verlassen.“
So lernte Gitte, dass Freunde einander vielleicht stärker machten, aber sie Schwachpunkte besser verschwieg.

Zwanzig weitere Jahre gingen ins Land und mit jedem Jahr kamen neue Falten. Irgendwann sahen Gittes Hände aus wie die Äste der knorrigen Kastanie in ihrem großen Garten.
Das Malen musste sie aufgeben. Und während die Kastanie Jahr für Jahr neu erblühte, verließ Gitte zusehends das Leben.
Mit 79 Jahren verkaufte sie ihr Haus und verpflanzte sich selbst in ein Heim.
Wie angewurzelt saß sie dort tagein, tagaus auf ihrem Fernsehsessel und wartete darauf, dass das Ende kommen möge.

So wartet Gitte nun seit 14 Jahren.
Sie hat keine Zornesfalten, keine abschätzigen Augen und keine vergrämten Züge.
Sie ist freundlich zu jedem, denkt nicht einmal Böses und frisst schon gar keine Kinder.
Und doch ist sie ganz allein auf der Welt, ohne einen einzigen Freund.

Gitte hat gelernt, zu schweigen.