Alle Artikel in der Kategorie “Kurzgeschichten

Eine Kurzgeschichte ĂĽber (m)eine Stempelliebe.
Kommentare 0

Die Oma hat es vorgemacht

In den Rollcontainern in meinem Homeoffice lagert allerlei Professionelles – von Textmarkern und Büroklammern bis hin zu Steuerbelegen. Drei Schubladen gehören aber einer (nicht wirklich) geheimen Liebe von mir: Stempeln. In verschiedensten Größen und mit ganz unterschiedlichen Motiven. Als ich heute in den Schubladen gewühlt habe, ist mir diese (wirklich kurze) Kurzgeschichte zur Stempelliebe wieder eingefallen.

***

Oh, wie schön das früher war!
Stempeln war für Sofie schon immer das Größte.

Als sie noch klein war, arbeitete ihre Oma bei der Post.
Da wurden Briefe noch von Hand gestempelt.
Die Oma hat es vorgemacht: Den Stempel fest auf das Stempelkissen drücken und mit zusammengekniffenen Augen sorgfältig prüfen, ob sich die tiefschwarze Stempelfarbe tatsächlich gleichmäßig verteilt hat.
Dann den Stempel vorsichtig auf den Umschlag pressen.
Kräftig genug, damit alles zu lesen war, aber niemals, niemals mit Gewalt.

Und: „Immer schauen, dass die Briefmarke noch gut aussieht. Nicht einfach ĂĽber Gesichter stempeln“, hat die Oma Sofie augenzwinkernd eingeprägt.
„Vielleicht hat sich jemand viel Mühe gegeben und für einen lieben Menschen genau diese Marke ausgesucht.
Oder es ist ein offizieller Brief, der an einen strengen Vorgesetzten geht. Dem fällt ein schlampiger Stempel bestimmt sofort auf. Und dann hat er schlechte Laune und schimpft seine armen Mitarbeiter wegen Nichtigkeiten aus.“

Sofies Oma hatte nie schlechte Laune.
Sie wartete geduldig ab, bis Sofie auf den viel zu hohen Stuhl geklettert war.
Sie sah schmunzelnd zu, wie Sofie mit der schwarzen Tinte ihre kleinen Finger beschmierte, aber niemals die gute Post.
Und sie hörte stundenlang zu, wie Sofie sich abenteuerliche Geschichten zu den Briefen und den Menschen dahinter ausdachte.

Als ihre Oma starb, wollte Sofie nur ein einziges Erbstück haben: Den wunderschönen Stempel, den der Filialleiter der Oma einmal zum Betriebsjubiläum geschenkt hatte.
„Weil niemand sonst so sorgfältig stempelt“, hatte er erklärt. Und weil niemand sonst dieses kleine Glück so zu schätzen wusste.
Niemand auĂźer Sofie.
Denn der hüpft heute noch das Herz, wenn sie den Stempel andächtig aufs Papier presst.

Jonas' Sinnsuche: Eine kurze Sinngeschichte
Kommentare 0

Jonas steht im Wald

Es ist Sonntagabend, 18.30 Uhr, und Jonas steht im Wald.
Wortwörtlich, weil er sich allen Ernstes beim Joggen ganz mächtig verlaufen hat und das angeblich so smarte Smartphone natürlich gerade jetzt kein Netz hat.
Aber durchaus auch sprichwörtlich. Weil Jonas nächste Woche 33 wird, immer noch „irgendwas mit Medien“ macht und ihm kein Podcast dieser Welt bisher erklären konnte, wo es für ihn ganz konkret hingehen und wie es für ihn weitergehen soll.

Jonas atmet zweimal tief durch, beobachtet die Wolken, die sein Atem in der kalten Waldluft bildet, und zieht sich schließlich die ebenso stylischen wie teuren XXL-Kopfhörer von den Ohren.
Gerade hat er sich noch erklären lassen, wie er „die Erfolgsspur kristallklar visualisieren“ und sich damit „an allen anderen vorbei zum Erfolg katapultieren“ kann.
Schade nur, dass er gar nicht weiĂź, wie genau Erfolg fĂĽr ihn aussieht. Und wohin er sich katapultieren soll.

Der geleaste schwarze Audi roch kurzfristig nach Erfolg.
Nach wenigen Wochen hatte sich das aber genauso verflĂĽchtigt wie der schicke Neuwagenduft.

Also investierte Jonas in eine Luxusuhr.
Die 26.000-Euro-Rolex lieĂź ihn zweifelsohne so richtig erfolgreich aussehen.
Jedenfalls für eine Woche. Danach schien ihn der Klunker an seinem Handgelenk förmlich zu Boden zu ziehen und ihn sekündlich daran zu erinnern, dass seine Zeit abläuft.
Dass er nicht mehr viel Zeit hat, endlich loszulegen. Und so richtig sein „Best Life“ zu leben.

Selbst der Urlaub auf Bali, den Jonas daraufhin für sich und „Babe“ buchte, war im Nachhinein ein Reinfall.
Seine Freundin hatte häufiger auf ihr Handy geschaut als in seine Augen und sich deutlich mehr für Instagram-Herzchen als für Real-Life-Herzklopfen interessiert.
Auf dem Heimflug hatte sie noch unter dem Hashtag „leavingparadise“ ein Bild mit Schmolllippe gepostet (natürlich mehr sexy als traurig), und während er sich die Schlafmaske aufsetzte und den Sitz zurückstellte, hatte er nur „#paradisemyass“ gedacht und sich ganz fest vorgenommen, etwas zu verändern.

Fast fünf Wochen später hat er immer noch keine Ahnung, was genau er ändern soll.
Geschweige denn, wie.

So steht er da also, mitten im Wald, schaut abwechselnd nach rechts und nach links und fragt sich immer wieder, wohin.

Er atmet ein, er atmet aus, und setzt sich in Bewegung.

Wenn man nicht weiĂź, wo es hingehen soll, bleibt schlieĂźlich nur eins:
Augen zu.
Und ab durch die Mitte.

Eine kleine aufmunternde Geschichte fĂĽr alle Sorgen-Susis
Kommentare 0

SorgenerdrĂĽckte wie sie

Das Leben ist ja bekanntlich ein Auf und Ab.
Dieses Jahr war über weite Strecken leider ausschließlich ein Ab, und ich habe mir oft ziemliche Sorgen gemacht. 

Diesen Text widme ich den Sorgen.

***

Sie schlieĂźt kurz die Augen, atmet tief durch und beschlieĂźt, sich nicht umzudrehen.

„Warum ist die Frau so langsam?“, hatte ein Stimmchen hinter ihr lauthals gekräht und eine ältere Stimme hatte geantwortet: „Weil sie alt ist. Hetz sie nicht, das ist nicht nett.“

„Jemanden alt zu nennen, ist auch nicht nett“, gibt sie im Geiste zu bedenken und legt vorsichtig ein Paket Frischkäse aufs Kassenband.

Das krähende Stimmchen ist noch nicht fertig mit ihr: „Ist sie deshalb auch so krumm?“
„Psst!“, macht die ältere Stimme und flüstert scharf und für ein Flüstern schlichtweg viel zu laut: „So was sagt man doch nicht laut. Aber ja, alte Menschen haben oft krumme Rücken.“

„Aber keine tauben Ohren“, erwidert sie wieder nur innerlich und legt drei abgezählte, abgewogene und etikettierte Äpfel aufs Band.

Mit der Zeit ist sie mĂĽde geworden.

Müde, den Leuten immer wieder zu erklären, dass es nicht ist, wie es offenbar scheint.

Dass sie gar nicht alt ist und erst recht nicht alterskrumm.
Dass sie jahrelang von Arzt zu Arzt gerannt ist.
Dass ihr trotzdem niemand sagen konnte, was mit ihr nicht stimmt.

Dass sie immer krummer wurde.
Immer faltiger.
Und immer grauer.

Dass sie vor acht Monaten plötzlich nur noch schlurfen konnte.
Und morgens oft so kraftlos war, dass sie sich kaum aus dem Bett quälen konnte.

Die Ă„rzte hatten noch einmal alles untersucht, was sie nur untersuchen konnten.
Hatten sie auf alles getestet, was ihnen auch nur im Entferntesten einfiel.
Und ihr so viel Blut dabei abgenommen, dass sie Badewannen hätten füllen können.

Hinter den vielen groĂźen Worten stand am Ende immer nur ein Ergebnis:
Niemand wusste, was mit ihr nicht stimmt.

Bis sich ein Arzt räusperte und verlegen auf den Boden schaute, während er erklärte: „Eigentlich sollte ich es nicht sagen. Aber wenn ich es nicht besser wüsste … Dann würde ich sagen, Sie sorgen sich einfach zu viel.“

„Was?“, hatte sie ungläubig gefragt.
Er hatte kurz gezögert und dann gesagt: „Glauben Sie mir, ich weiß, wie das klingt. Gerade ich als Arzt. Aber körperlich sind Sie kerngesund. Ihre Sorgen machen Sie krank.“

Sie starrte ihn an und wusste nicht, was sie antworten sollte.
„Überlegen Sie doch mal“, versuchte er es noch einmal, „die Falten in Ihrem Gesicht. Mit Mitte 20. Das sind klassische Sorgenfurchen.
Die dauerhaft nach unten gezogenen Mundwinkel. Und der gramgebeugte RĂĽcken.
Sie werden von Ihren Sorgen erdrückt.“

Empört war sie aus dem Untersuchungszimmer geschlurft – und hatte sich gesorgt.

Was, wenn der Arzt tatsächlich Recht hatte?
Was, wenn ihre Sorgen sie krankmachten?
Was, wenn sie nicht aufhören konnte, sich zu sorgen?
Was, wenn ihre Sorgen sie umbrachten?

Zwei Wochen rang sie jede Minute mit sich und machte sich noch mehr Sorgen als sonst.
Sie wurde noch faltiger, noch grauer und noch krummer.
Als das Telefon klingelte und sie ein Reporter zu ihrer „kuriosen Krankheit“ befragen wollte, da spürte sie förmlich, wie sich die nächsten Sorgenfalten in ihr Gesicht gruben.

Sie hatte einfach aufgelegt und war im Schneckentempo in den Supermarkt geschlurft. 
Und da steht sie nun an der Kasse, mit körnigem Frischkäse, abgezählten Äpfeln und der quietschigen Kinder-Krähstimme hinter sich.

Während sie sich gerade sorgt, ob sie noch genug Bargeld im Portemonnaie hat (und wenn nicht, ob ihr wohl ihre PIN einfallen oder sie alles blockieren und den Zorn der anderen Einkäufer auf sich ziehen wird), macht es hinter ihr laut „Hatschi!“.

Sie erstarrt zur gramgebeugten Salzsäule.

Ihr Nacken ist nass und klebt, und vor lauter Ekel und Sorge vor Bakterien, bekommt sie sofort Gänsehaut.
Langsam dreht sie sich um.

Hinter ihr steht ein kleiner rothaariger Junge im leuchtend grĂĽnen Hulk-T-Shirt, der sie aus riesengroĂźen Kulleraugen starr vor Schreck ansieht.
Und während der sommersprossige Knirps die Luft anhält, rollt ihm wie in Zeitlupe ein dicker Knubbel Schnodder aus der Nase.

Glitschig und grünlich und fürchterlich rollt der Glibber-Knubbel Millimeter für Millimeter abwärts und lässt den schreckensstarren sommersprossigen Mini-Hulk dermaßen skurril aussehen, dass sie nicht mehr an sich halten kann.

Sie prustet los und spuckt und lacht und kriegt sich nicht mehr ein.
Sie hält sich den Bauch und japst nach Luft und kann nicht aufhören zu lachen.

Der Schnodder-Knirps erwacht aus seiner Starre und lacht mit seinem Krähstimmchen mit.
Dann stimmt auch seine Mutter mit ein und gemeinsam stecken sie zuerst die Kassiererin und dann jeden anderen im Umkreis von 5 Metern um die Kasse an.

Sie lachen und lachen, und halten sich die Bäuche und schütten sich förmlich aus.
Während ihr die Lachtränen die Wangen hinunterlaufen, spürt sie es plötzlich:
Aus zwei Sorgenfurchen im unteren Drittel am linken Auge werden auf wundersame Weise zwei kleine, feine Lachfältchen.

Da lacht sie noch lauter und biegt sich noch krummer und hält sich den Bauch noch fester.
Es gibt also doch noch Hoffnung.
Selbst fĂĽr SorgenerdrĂĽckte wie sie.

Keinen Freund auf dieser Welt
Kommentare 1

Keinen Freund auf dieser Welt

Die allererste Kurzgeschichte auf diesem Blog ist die Geschichte von Gitte.
Gleichzeitig ist sie aber auch meine Geschichte. Oder genauer gesagt: (m)eine Geschichte davon, wie nah Triumph und Niederlage beieinander liegen.

Die kleine Erzählung war mein Beitrag zu einem Schreibwettbewerb mit dem Thema „Unter Freunden“. Ewig habe ich überlegt, was ich dazu erzählen könnte, sollte, wollte. Dann habe ich ewig und drei Tage mit dem Text gerungen.
Ich habe verzweifelt versucht, die Tastatur zu hypnotisieren, frustrierte „Gnaaah!“-Laute ausgestoßen, das Schreiben an sich und mein Schreiben im Besonderen verflucht und zwischendurch ungefähr 13 mal entschieden, dass diese Geschichte eben niemals zu Ende erzählt werden wird.
Wurde sie dann doch – und ich war stolz wie Bolle. Oder Oskar. Oder wer auch immer sonst besonders stolz ist.

Da stand ich also, freudentaumelig-glücklich, vor fertig abgezählten Papierstapeln, hochmotiviert und endlich bereit, alles einzutüten und loszuschicken. Und als ich nach der Anschrift suchte, stellte ich plötzlich fest: Ich hatte den Einsendeschluss bereits um 5 Tage verpasst.
Tja.
Suboptimal.

Gittes Geschichte soll und muss aber trotzdem hinaus in die Welt.
Und deshalb erzähle ich sie euch.

***

Gitte ist 93 Jahre alt und hat keinen Freund auf dieser Welt. Nicht einen einzigen.

Nicht, weil alle gestorben wären, auch wenn die Jüngeren das automatisch annehmen, wenn sie mitleidig flüsternd über Gitte sprechen und kopfschüttelnd schwermütig seufzen.
Als sei Gitte die letzte Schreibmaschine ganz hinten im Keller, die einfach nur nicht weiß, dass es sie längst nicht mehr geben dürfte.
Gitte gibt es noch immer. Und sie hat keinen einzigen Freund, weil niemand ihr Freund sein will.

Nun sieht Gitte gar nicht aus, wie man sich einen Mensch ohne Freunde gemeinhin so vorstellt.
Sie hat keine Zornesfalten, keine abschätzigen Augen und keine vergrämten Züge.
Sie ist freundlich zu jedem, denkt nicht einmal Böses und frisst schon gar keine Kinder.
Und doch ist sie ganz allein auf der Welt, ohne einen einzigen Freund.

Als Gitte gerade 11 Jahre alt war, da dachte sie, sie hätte eine Freundin. Vielleicht sogar eine beste.
Aber dann hatte Gitte ehrlich geantwortet, dass dem kurzsichtigen Mädchen die neue Brille nicht stand die vermeintliche Freundin hatte unter Tränen geschrien: „Eine echte Freundin sagt so etwas nicht!“
So hatte Gitte gelernt, dass man unter Freunden vielleicht schwor, keine Geheimnisse zu haben, aber manches doch besser verschwieg.

Mit 24 Jahren dachte sie, sie hätte ihren Seelenverwandten gefunden. Friedrich hieß er und oh, wie hatte er sie verzaubert.
Ein stattlicher junger Mann mit tiefblauen Augen, der mit seinem Vater Brieftauben züchtete und die fliegenden Boten mit schönsten Briefen zur hoffnungsvollen Gitte schickte.
Als Gitte ihm schließlich ihre Liebe gestand, kam lange keine Taube. Es kam nur noch einmal eine zu ihr, mit einem Zettel, auf dem stand: „Ich wünschte so sehr, wir könnten zurück und wieder Freunde sein.“
Und so hatte Gitte schmerzlich gelernt, dass Freundschaft vielleicht auch eine Art von Liebe war, aber sie ihre doch besser verschwieg.

Mit 59 Jahren hatte die verunsicherte Gitte eine Gleichgesinnte gefunden.
Auch sie war Künstlerin, auch sie liebte schwere Ketten und weit schwingende Kleidung und auch sie wusste Rotwein zu schätzen.
So teilten sie sich viele Flaschen an vielen Abenden, malten Bilder, so gut wie noch nie und vertrauten sich allerhand an. Die vorsichtige Gitte schöpfte neuen Mut. Bis sich ihre Bilder viel besser verkauften und die vermeintliche Vertraute von der Eifersucht gepackt wurde.
Mitten auf Gittes Vernissage erklärte sie vor allen: „Gitte hat eben viel Zeit zum Malen, sie wurde ja von allen verlassen.“
So lernte Gitte, dass Freunde einander vielleicht stärker machten, aber sie Schwachpunkte besser verschwieg.

Zwanzig weitere Jahre gingen ins Land und mit jedem Jahr kamen neue Falten. Irgendwann sahen Gittes Hände aus wie die Äste der knorrigen Kastanie in ihrem großen Garten.
Das Malen musste sie aufgeben. Und während die Kastanie Jahr für Jahr neu erblühte, verließ Gitte zusehends das Leben.
Mit 79 Jahren verkaufte sie ihr Haus und verpflanzte sich selbst in ein Heim.
Wie angewurzelt saß sie dort tagein, tagaus auf ihrem Fernsehsessel und wartete darauf, dass das Ende kommen möge.

So wartet Gitte nun seit 14 Jahren.
Sie hat keine Zornesfalten, keine abschätzigen Augen und keine vergrämten Züge.
Sie ist freundlich zu jedem, denkt nicht einmal Böses und frisst schon gar keine Kinder.
Und doch ist sie ganz allein auf der Welt, ohne einen einzigen Freund.

Gitte hat gelernt, zu schweigen.