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Ein graues S. Denn sonntags, da vermisse ich dich.
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Sonntags vermisse ich dich

‚ÄěManchmal vermisse ich dich‚Äú, habe ich getippt und es gleich wieder gel√∂scht.
Die Wahrheit ist nämlich: Ich vermisse dich.
Viel öfter als nur manchmal.

Sonntags vermisse ich dich.
Wenn ich dich nicht besuchen und kein St√ľck Pflaumenkuchen mit dir essen kann.

Abends vermisse ich dich.
Wenn ich die F√ľ√üe hochlege, den Fernseher einschalte und deine Sendung ohne dich l√§uft.

Im Supermarkt vermisse ich dich.
Wenn ich den Pfirsichsaft sehe, den du so gern getrunken und immer auf Vorrat gelagert hast. Im kleinen Kämmerchen, hinten rechts vom Flur.

Wenn mir langweilig ist, vermisse ich dich.
Weil ich so gern eine Runde mit dir kniffeln w√ľrde.

Bei Familienfeiern vermisse ich dich.
Wenn ein Platz einfach leer bleibt, der f√ľr mich immer noch deiner ist.

Ganz besonders vermisse ich dich, wenn mir alles zu viel ist.
Zu laut.
Zu schwer.
Zu kalt.
Weil die Welt wieder in Ordnung war, sobald du mich mit einem Kuss begr√ľ√üt und rein gewunken hast.

Und wer bringt die Welt jetzt in Ordnung?

Die Wahrheit bleibt: Ich vermisse dich.
So viel öfter als nur manchmal.

W Was wirklich fehlt
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Was wirklich fehlt

Neulich habe ich einen Kuli verloren und seitdem ziemlich Herzschmerz.
Es war n√§mlich nicht blo√ü irgendein Kuli, sondern ein geerbter Schatz, der f√ľr mich unersetzbar ist.
Deshalb dieser Text.

***

Immer, wenn ich dich besuchte, lag irgendwo in deinem kleinen Zimmer dieser eine blaue Stift. Dein königsblauer Kugelschreiber.
Er thronte auf dem winzigen Esstisch, den wir dir besorgt hatten, weil er genau vor das Fenster passte und dir so kaum Platz wegnahm. Oder er lag auf dem Fernsehschränkchen, sorgfältig und exakt mittig an ein paar Zeitschriften geklemmt.
‚ÄěDer schreibt wirklich am allerbesten‚Äú, hast du mir immer wieder gesagt, ‚Äěund er liegt ganz prima in der Hand.‚Äú Je schwerer dir das Greifen und Schreiben fiel, desto wichtiger wurde dir das.

Du hast unzählige Kreuzworträtsel mit deinem königsblauen Kuli gelöst und dich durch jedes Rätselheft geknobelt, das wir dir mitbrachten.
Du hast Worte erraten, die ich nicht mal kannte. Dann hast du geschmunzelt und ‚ÄěAch, na ja ‚Ķ‚Äú gesagt, weil du so schnell verlegen und sowieso immer bescheiden warst.

Du hast kleine Einkaufslisten geschrieben, zumindest dann, wenn ich dich dazu √ľberreden konnte.
‚ÄěNein, es macht keine Umst√§nde!‚Äú, musste ich dir mindestens dreimal versichern und mehrmals erg√§nzen: ‚ÄěIch mache das gerne. Wirklich. Doch, ganz ehrlich. Fest versprochen!‚Äú
Dann bin ich mit deinem Zettelchen in der Hand √ľber die Stra√üe zum Supermarkt spaziert und habe dir all das geholt, was du im Pflegeheim vermisst hast.
Jedes Teil hast du inspiziert, dich immer wieder daf√ľr bedankt und mir am Ende viel zu viel Geld in die Hand gedr√ľckt.

Immer wieder hast du mir mit deinem königsblauen Kuli Briefe geschrieben, obwohl jeder Brief ein Akt war.
‚ÄěEs geht nicht mehr so leicht wie fr√ľher. Die Schrift ist auch nicht mehr so sch√∂n. Fr√ľher, da konnte ich anst√§ndig schreiben. Jetzt ist es nur noch Gekritzel.‚Äú
W√§hrend du geseufzt und auf deine H√§nde geschaut hast, sa√ü ich kopfsch√ľttelnd daneben.
F√ľr mich war es noch immer die sch√∂nste Schrift, sorgsam und edel und klar.

Was haben wir uns gern geschrieben!
Jede meiner Karten hast du gesammelt und mir beim nächsten Besuch strahlend gezeigt.
‚ÄěDass du immer so an mich denkst!‚Äú, hast du gestaunt und l√§chelnd den Kopf gesch√ľttelt.
Und ich habe ehrlich geantwortet: ‚ÄěIch denke sogar noch viel √∂fter an dich. So oft kann ich dir gar nicht schreiben.‚Äú

Und dann? 
Dann konnte ich dir nicht mehr schreiben.


Denn du warst nicht mehr da.

 

Da stand ich in deinem Zimmer, ohne dich, und packte als Erstes den Stift ein.
Deinen k√∂nigsblauen Kuli, der jetzt meiner war. Ein kleines, buntes St√ľck von dir, das immer bei mir blieb. Auf meinem Schreibtisch, der genau vor das Fenster passt. Oder auf unserem gro√üen Esstisch.

Wann immer ich diesen Stift in den Händen hielt, habe ich an dich gedacht.
Selbst wenn ich nichts zu lachen hatte: Sobald ich mit dem Kuli zu schreiben begann, musste ich wie von Zauberhand lächeln.
Ich schrieb Geburtstagskarten oder Briefe an Freunde.
Notizen und Einkaufslisten.
Und setzte Unterschriften unter wichtige Dokumente.

Immer warst du irgendwie dabei.
Und immer habe ich deinen Stift wie einen Schatz geh√ľtet.
Nur einmal habe ich ihn mit in die Welt genommen; sorgfältig und exakt mittig an eine Mappe geklemmt.
Als ich abends zu Hause war, war unser Stift verschwunden.

Der königsblaue Kuli war weg und mein Herz rutschte in die Hose.
Ich habe fieberhaft nach ihm gesucht, √ľberall herumgefragt und ihn trotzdem nicht gefunden.

W√ľtend war ich; w√ľtend auf mich, dass ich ihn √ľberhaupt mit nach drau√üen genommen hatte.
Dann traurig, dass ich so unaufmerksam war.
Und schließlich verzweifelt, weil sich nicht mehr leugnen ließ: Er ist tatsächlich weg. Und ich bekomme ihn nie wieder.
Ebenso wenig wie dich.

 

Was wirklich fehlt, ist nicht der Stift.
Was wirklich fehlt, bist du.

Und das wird immer so bleiben.