W Was wirklich fehlt
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Was wirklich fehlt

Neulich habe ich einen Kuli verloren und seitdem ziemlich Herzschmerz.
Es war nĂ€mlich nicht bloß irgendein Kuli, sondern ein geerbter Schatz, der fĂŒr mich unersetzbar ist.
Deshalb dieser Text.

***

Immer, wenn ich dich besuchte, lag irgendwo in deinem kleinen Zimmer dieser eine blaue Stift. Dein königsblauer Kugelschreiber.
Er thronte auf dem winzigen Esstisch, den wir dir besorgt hatten, weil er genau vor das Fenster passte und dir so kaum Platz wegnahm. Oder er lag auf dem FernsehschrÀnkchen, sorgfÀltig und exakt mittig an ein paar Zeitschriften geklemmt.
„Der schreibt wirklich am allerbesten“, hast du mir immer wieder gesagt, „und er liegt ganz prima in der Hand.“ Je schwerer dir das Greifen und Schreiben fiel, desto wichtiger wurde dir das.

Du hast unzÀhlige KreuzwortrÀtsel mit deinem königsblauen Kuli gelöst und dich durch jedes RÀtselheft geknobelt, das wir dir mitbrachten.
Du hast Worte erraten, die ich nicht mal kannte. Dann hast du geschmunzelt und „Ach, na ja 
“ gesagt, weil du so schnell verlegen und sowieso immer bescheiden warst.

Du hast kleine Einkaufslisten geschrieben, zumindest dann, wenn ich dich dazu ĂŒberreden konnte.
„Nein, es macht keine UmstĂ€nde!“, musste ich dir mindestens dreimal versichern und mehrmals ergĂ€nzen: „Ich mache das gerne. Wirklich. Doch, ganz ehrlich. Fest versprochen!“
Dann bin ich mit deinem Zettelchen in der Hand ĂŒber die Straße zum Supermarkt spaziert und habe dir all das geholt, was du im Pflegeheim vermisst hast.
Jedes Teil hast du inspiziert, dich immer wieder dafĂŒr bedankt und mir am Ende viel zu viel Geld in die Hand gedrĂŒckt.

Immer wieder hast du mir mit deinem königsblauen Kuli Briefe geschrieben, obwohl jeder Brief ein Akt war.
„Es geht nicht mehr so leicht wie frĂŒher. Die Schrift ist auch nicht mehr so schön. FrĂŒher, da konnte ich anstĂ€ndig schreiben. Jetzt ist es nur noch Gekritzel.“
WĂ€hrend du geseufzt und auf deine HĂ€nde geschaut hast, saß ich kopfschĂŒttelnd daneben.
FĂŒr mich war es noch immer die schönste Schrift, sorgsam und edel und klar.

Was haben wir uns gern geschrieben!
Jede meiner Karten hast du gesammelt und mir beim nÀchsten Besuch strahlend gezeigt.
„Dass du immer so an mich denkst!“, hast du gestaunt und lĂ€chelnd den Kopf geschĂŒttelt.
Und ich habe ehrlich geantwortet: „Ich denke sogar noch viel öfter an dich. So oft kann ich dir gar nicht schreiben.“

Und dann? 
Dann konnte ich dir nicht mehr schreiben.


Denn du warst nicht mehr da.

 

Da stand ich in deinem Zimmer, ohne dich, und packte als Erstes den Stift ein.
Deinen königsblauen Kuli, der jetzt meiner war. Ein kleines, buntes StĂŒck von dir, das immer bei mir blieb. Auf meinem Schreibtisch, der genau vor das Fenster passt. Oder auf unserem großen Esstisch.

Wann immer ich diesen Stift in den HĂ€nden hielt, habe ich an dich gedacht.
Selbst wenn ich nichts zu lachen hatte: Sobald ich mit dem Kuli zu schreiben begann, musste ich wie von Zauberhand lÀcheln.
Ich schrieb Geburtstagskarten oder Briefe an Freunde.
Notizen und Einkaufslisten.
Und setzte Unterschriften unter wichtige Dokumente.

Immer warst du irgendwie dabei.
Und immer habe ich deinen Stift wie einen Schatz gehĂŒtet.
Nur einmal habe ich ihn mit in die Welt genommen; sorgfÀltig und exakt mittig an eine Mappe geklemmt.
Als ich abends zu Hause war, war unser Stift verschwunden.

Der königsblaue Kuli war weg und mein Herz rutschte in die Hose.
Ich habe fieberhaft nach ihm gesucht, ĂŒberall herumgefragt und ihn trotzdem nicht gefunden.

WĂŒtend war ich; wĂŒtend auf mich, dass ich ihn ĂŒberhaupt mit nach draußen genommen hatte.
Dann traurig, dass ich so unaufmerksam war.
Und schließlich verzweifelt, weil sich nicht mehr leugnen ließ: Er ist tatsĂ€chlich weg. Und ich bekomme ihn nie wieder.
Ebenso wenig wie dich.

 

Was wirklich fehlt, ist nicht der Stift.
Was wirklich fehlt, bist du.

Und das wird immer so bleiben.

Regenliebe R
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Regenliebe

Der eine oder andere beschwert sich ja gerne mal ĂŒber den Regen, gerade jetzt im Sommer.
Ich nicht. Nicht mal ein bisschen. Kein StĂŒck.

***

Ihr liebt den Sommer, die Sonne, die WĂ€rme.
Ihr strahlt, sobald die Sonne lacht.

Ich?
Ich liebe den Regen.

Ich liebe die Wolken, zartgrau bis tiefschwarz,
aus denen kĂŒhle Tropfen dick und schwer zur Erde purzeln.

Ich liebe das satte DunkelgrĂŒn der BĂ€ume
und den klaren Regenduft.

Ich liebe die Glitzerpunkte auf meiner Brille,
durch die die Welt ganz anders wirkt.

Ich liebe es, quiekend durch Schauer zu rennen,
mit hochgezogenen Schultern, vom Auto ins Haus.

Ich lieber unser atemloses Lachen,
sobald wir beide im Trockenen sind.

Ich liebe das warme, weiche Handtuch,
das du mir fĂŒr meine Haare reichst.

Ich liebe den duftenden, dampfenden Tee,
den du lĂ€chelnd fĂŒr uns kochst.

Ich liebe das Trommeln auf den Dachfenstern,
wÀhrend wir uns tiefer in die Decke kuscheln
und der Kater leise schnurrt.

Ihr liebt den Sommer, die Sonne, die WĂ€rme.
Ihr strahlt, sobald die Sonne lacht.

Ich?
Ich liebe den Regen.

Weil er alles lebendig macht.

Keinen Freund auf dieser Welt
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Keinen Freund auf dieser Welt

Die allererste Kurzgeschichte auf diesem Blog ist die Geschichte von Gitte.
Gleichzeitig ist sie aber auch meine Geschichte. Oder genauer gesagt: (m)eine Geschichte davon, wie nah Triumph und Niederlage beieinander liegen.

Die kleine ErzĂ€hlung war mein Beitrag zu einem Schreibwettbewerb mit dem Thema „Unter Freunden“. Ewig habe ich ĂŒberlegt, was ich dazu erzĂ€hlen könnte, sollte, wollte. Dann habe ich ewig und drei Tage mit dem Text gerungen.
Ich habe verzweifelt versucht, die Tastatur zu hypnotisieren, frustrierte „Gnaaah!“-Laute ausgestoßen, das Schreiben an sich und mein Schreiben im Besonderen verflucht und zwischendurch ungefĂ€hr 13 mal entschieden, dass diese Geschichte eben niemals zu Ende erzĂ€hlt werden wird.
Wurde sie dann doch – und ich war stolz wie Bolle. Oder Oskar. Oder wer auch immer sonst besonders stolz ist.

Da stand ich also, freudentaumelig-glĂŒcklich, vor fertig abgezĂ€hlten Papierstapeln, hochmotiviert und endlich bereit, alles einzutĂŒten und loszuschicken. Und als ich nach der Anschrift suchte, stellte ich plötzlich fest: Ich hatte den Einsendeschluss bereits um 5 Tage verpasst.
Tja.
Suboptimal.

Gittes Geschichte soll und muss aber trotzdem hinaus in die Welt.
Und deshalb erzÀhle ich sie euch.

***

Gitte ist 93 Jahre alt und hat keinen Freund auf dieser Welt. Nicht einen einzigen.

Nicht, weil alle gestorben wĂ€ren, auch wenn die JĂŒngeren das automatisch annehmen, wenn sie mitleidig flĂŒsternd ĂŒber Gitte sprechen und kopfschĂŒttelnd schwermĂŒtig seufzen.
Als sei Gitte die letzte Schreibmaschine ganz hinten im Keller, die einfach nur nicht weiß, dass es sie lĂ€ngst nicht mehr geben dĂŒrfte.
Gitte gibt es noch immer. Und sie hat keinen einzigen Freund, weil niemand ihr Freund sein will.

Nun sieht Gitte gar nicht aus, wie man sich einen Mensch ohne Freunde gemeinhin so vorstellt.
Sie hat keine Zornesfalten, keine abschĂ€tzigen Augen und keine vergrĂ€mten ZĂŒge.
Sie ist freundlich zu jedem, denkt nicht einmal Böses und frisst schon gar keine Kinder.
Und doch ist sie ganz allein auf der Welt, ohne einen einzigen Freund.

Als Gitte gerade 11 Jahre alt war, da dachte sie, sie hÀtte eine Freundin. Vielleicht sogar eine beste.
Aber dann hatte Gitte ehrlich geantwortet, dass dem kurzsichtigen MĂ€dchen die neue Brille nicht stand die vermeintliche Freundin hatte unter TrĂ€nen geschrien: „Eine echte Freundin sagt so etwas nicht!“
So hatte Gitte gelernt, dass man unter Freunden vielleicht schwor, keine Geheimnisse zu haben, aber manches doch besser verschwieg.

Mit 24 Jahren dachte sie, sie hĂ€tte ihren Seelenverwandten gefunden. Friedrich hieß er und oh, wie hatte er sie verzaubert.
Ein stattlicher junger Mann mit tiefblauen Augen, der mit seinem Vater Brieftauben zĂŒchtete und die fliegenden Boten mit schönsten Briefen zur hoffnungsvollen Gitte schickte.
Als Gitte ihm schließlich ihre Liebe gestand, kam lange keine Taube. Es kam nur noch einmal eine zu ihr, mit einem Zettel, auf dem stand: „Ich wĂŒnschte so sehr, wir könnten zurĂŒck und wieder Freunde sein.“
Und so hatte Gitte schmerzlich gelernt, dass Freundschaft vielleicht auch eine Art von Liebe war, aber sie ihre doch besser verschwieg.

Mit 59 Jahren hatte die verunsicherte Gitte eine Gleichgesinnte gefunden.
Auch sie war KĂŒnstlerin, auch sie liebte schwere Ketten und weit schwingende Kleidung und auch sie wusste Rotwein zu schĂ€tzen.
So teilten sie sich viele Flaschen an vielen Abenden, malten Bilder, so gut wie noch nie und vertrauten sich allerhand an. Die vorsichtige Gitte schöpfte neuen Mut. Bis sich ihre Bilder viel besser verkauften und die vermeintliche Vertraute von der Eifersucht gepackt wurde.
Mitten auf Gittes Vernissage erklĂ€rte sie vor allen: „Gitte hat eben viel Zeit zum Malen, sie wurde ja von allen verlassen.“
So lernte Gitte, dass Freunde einander vielleicht stÀrker machten, aber sie Schwachpunkte besser verschwieg.

Zwanzig weitere Jahre gingen ins Land und mit jedem Jahr kamen neue Falten. Irgendwann sahen Gittes HĂ€nde aus wie die Äste der knorrigen Kastanie in ihrem großen Garten.
Das Malen musste sie aufgeben. Und wĂ€hrend die Kastanie Jahr fĂŒr Jahr neu erblĂŒhte, verließ Gitte zusehends das Leben.
Mit 79 Jahren verkaufte sie ihr Haus und verpflanzte sich selbst in ein Heim.
Wie angewurzelt saß sie dort tagein, tagaus auf ihrem Fernsehsessel und wartete darauf, dass das Ende kommen möge.

So wartet Gitte nun seit 14 Jahren.
Sie hat keine Zornesfalten, keine abschĂ€tzigen Augen und keine vergrĂ€mten ZĂŒge.
Sie ist freundlich zu jedem, denkt nicht einmal Böses und frisst schon gar keine Kinder.
Und doch ist sie ganz allein auf der Welt, ohne einen einzigen Freund.

Gitte hat gelernt, zu schweigen.