Regenliebe R
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Regenliebe

Der eine oder andere beschwert sich ja gerne mal ĂŒber den Regen, gerade jetzt im Sommer.
Ich nicht. Nicht mal ein bisschen. Kein StĂŒck.

***

Ihr liebt den Sommer, die Sonne, die WĂ€rme.
Ihr strahlt, sobald die Sonne lacht.

Ich?
Ich liebe den Regen.

Ich liebe die Wolken, zartgrau bis tiefschwarz,
aus denen kĂŒhle Tropfen dick und schwer zur Erde purzeln.

Ich liebe das satte DunkelgrĂŒn der BĂ€ume
und den klaren Regenduft.

Ich liebe die Glitzerpunkte auf meiner Brille,
durch die die Welt ganz anders wirkt.

Ich liebe es, quiekend durch Schauer zu rennen,
mit hochgezogenen Schultern, vom Auto ins Haus.

Ich lieber unser atemloses Lachen,
sobald wir beide im Trockenen sind.

Ich liebe das warme, weiche Handtuch,
das du mir fĂŒr meine Haare reichst.

Ich liebe den duftenden, dampfenden Tee,
den du lĂ€chelnd fĂŒr uns kochst.

Ich liebe das Trommeln auf den Dachfenstern,
wÀhrend wir uns tiefer in die Decke kuscheln
und der Kater leise schnurrt.

Ihr liebt den Sommer, die Sonne, die WĂ€rme.
Ihr strahlt, sobald die Sonne lacht.

Ich?
Ich liebe den Regen.

Weil er alles lebendig macht.

Keinen Freund auf dieser Welt
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Keinen Freund auf dieser Welt

Die allererste Kurzgeschichte auf diesem Blog ist die Geschichte von Gitte.
Gleichzeitig ist sie aber auch meine Geschichte. Oder genauer gesagt: (m)eine Geschichte davon, wie nah Triumph und Niederlage beieinander liegen.

Die kleine ErzĂ€hlung war mein Beitrag zu einem Schreibwettbewerb mit dem Thema „Unter Freunden“. Ewig habe ich ĂŒberlegt, was ich dazu erzĂ€hlen könnte, sollte, wollte. Dann habe ich ewig und drei Tage mit dem Text gerungen.
Ich habe verzweifelt versucht, die Tastatur zu hypnotisieren, frustrierte „Gnaaah!“-Laute ausgestoßen, das Schreiben an sich und mein Schreiben im Besonderen verflucht und zwischendurch ungefĂ€hr 13 mal entschieden, dass diese Geschichte eben niemals zu Ende erzĂ€hlt werden wird.
Wurde sie dann doch – und ich war stolz wie Bolle. Oder Oskar. Oder wer auch immer sonst besonders stolz ist.

Da stand ich also, freudentaumelig-glĂŒcklich, vor fertig abgezĂ€hlten Papierstapeln, hochmotiviert und endlich bereit, alles einzutĂŒten und loszuschicken. Und als ich nach der Anschrift suchte, stellte ich plötzlich fest: Ich hatte den Einsendeschluss bereits um 5 Tage verpasst.
Tja.
Suboptimal.

Gittes Geschichte soll und muss aber trotzdem hinaus in die Welt.
Und deshalb erzÀhle ich sie euch.

***

Gitte ist 93 Jahre alt und hat keinen Freund auf dieser Welt. Nicht einen einzigen.

Nicht, weil alle gestorben wĂ€ren, auch wenn die JĂŒngeren das automatisch annehmen, wenn sie mitleidig flĂŒsternd ĂŒber Gitte sprechen und kopfschĂŒttelnd schwermĂŒtig seufzen.
Als sei Gitte die letzte Schreibmaschine ganz hinten im Keller, die einfach nur nicht weiß, dass es sie lĂ€ngst nicht mehr geben dĂŒrfte.
Gitte gibt es noch immer. Und sie hat keinen einzigen Freund, weil niemand ihr Freund sein will.

Nun sieht Gitte gar nicht aus, wie man sich einen Mensch ohne Freunde gemeinhin so vorstellt.
Sie hat keine Zornesfalten, keine abschĂ€tzigen Augen und keine vergrĂ€mten ZĂŒge.
Sie ist freundlich zu jedem, denkt nicht einmal Böses und frisst schon gar keine Kinder.
Und doch ist sie ganz allein auf der Welt, ohne einen einzigen Freund.

Als Gitte gerade 11 Jahre alt war, da dachte sie, sie hÀtte eine Freundin. Vielleicht sogar eine beste.
Aber dann hatte Gitte ehrlich geantwortet, dass dem kurzsichtigen MĂ€dchen die neue Brille nicht stand die vermeintliche Freundin hatte unter TrĂ€nen geschrien: „Eine echte Freundin sagt so etwas nicht!“
So hatte Gitte gelernt, dass man unter Freunden vielleicht schwor, keine Geheimnisse zu haben, aber manches doch besser verschwieg.

Mit 24 Jahren dachte sie, sie hĂ€tte ihren Seelenverwandten gefunden. Friedrich hieß er und oh, wie hatte er sie verzaubert.
Ein stattlicher junger Mann mit tiefblauen Augen, der mit seinem Vater Brieftauben zĂŒchtete und die fliegenden Boten mit schönsten Briefen zur hoffnungsvollen Gitte schickte.
Als Gitte ihm schließlich ihre Liebe gestand, kam lange keine Taube. Es kam nur noch einmal eine zu ihr, mit einem Zettel, auf dem stand: „Ich wĂŒnschte so sehr, wir könnten zurĂŒck und wieder Freunde sein.“
Und so hatte Gitte schmerzlich gelernt, dass Freundschaft vielleicht auch eine Art von Liebe war, aber sie ihre doch besser verschwieg.

Mit 59 Jahren hatte die verunsicherte Gitte eine Gleichgesinnte gefunden.
Auch sie war KĂŒnstlerin, auch sie liebte schwere Ketten und weit schwingende Kleidung und auch sie wusste Rotwein zu schĂ€tzen.
So teilten sie sich viele Flaschen an vielen Abenden, malten Bilder, so gut wie noch nie und vertrauten sich allerhand an. Die vorsichtige Gitte schöpfte neuen Mut. Bis sich ihre Bilder viel besser verkauften und die vermeintliche Vertraute von der Eifersucht gepackt wurde.
Mitten auf Gittes Vernissage erklĂ€rte sie vor allen: „Gitte hat eben viel Zeit zum Malen, sie wurde ja von allen verlassen.“
So lernte Gitte, dass Freunde einander vielleicht stÀrker machten, aber sie Schwachpunkte besser verschwieg.

Zwanzig weitere Jahre gingen ins Land und mit jedem Jahr kamen neue Falten. Irgendwann sahen Gittes HĂ€nde aus wie die Äste der knorrigen Kastanie in ihrem großen Garten.
Das Malen musste sie aufgeben. Und wĂ€hrend die Kastanie Jahr fĂŒr Jahr neu erblĂŒhte, verließ Gitte zusehends das Leben.
Mit 79 Jahren verkaufte sie ihr Haus und verpflanzte sich selbst in ein Heim.
Wie angewurzelt saß sie dort tagein, tagaus auf ihrem Fernsehsessel und wartete darauf, dass das Ende kommen möge.

So wartet Gitte nun seit 14 Jahren.
Sie hat keine Zornesfalten, keine abschĂ€tzigen Augen und keine vergrĂ€mten ZĂŒge.
Sie ist freundlich zu jedem, denkt nicht einmal Böses und frisst schon gar keine Kinder.
Und doch ist sie ganz allein auf der Welt, ohne einen einzigen Freund.

Gitte hat gelernt, zu schweigen.