Ein graues S. Denn sonntags, da vermisse ich dich.
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Sonntags vermisse ich dich

„Manchmal vermisse ich dich“, habe ich getippt und es gleich wieder gelöscht.
Die Wahrheit ist nämlich: Ich vermisse dich.
Viel öfter als nur manchmal.

Sonntags vermisse ich dich.
Wenn ich dich nicht besuchen und kein StĂĽck Pflaumenkuchen mit dir essen kann.

Abends vermisse ich dich.
Wenn ich die Füße hochlege, den Fernseher einschalte und deine Sendung ohne dich läuft.

Im Supermarkt vermisse ich dich.
Wenn ich den Pfirsichsaft sehe, den du so gern getrunken und immer auf Vorrat gelagert hast. Im kleinen Kämmerchen, hinten rechts vom Flur.

Wenn mir langweilig ist, vermisse ich dich.
Weil ich so gern eine Runde mit dir kniffeln wĂĽrde.

Bei Familienfeiern vermisse ich dich.
Wenn ein Platz einfach leer bleibt, der fĂĽr mich immer noch deiner ist.

Ganz besonders vermisse ich dich, wenn mir alles zu viel ist.
Zu laut.
Zu schwer.
Zu kalt.
Weil die Welt wieder in Ordnung war, sobald du mich mit einem Kuss begrĂĽĂźt und rein gewunken hast.

Und wer bringt die Welt jetzt in Ordnung?

Die Wahrheit bleibt: Ich vermisse dich.
So viel öfter als nur manchmal.

Regentropfen im Hintergrund: Das Leben ist nicht immer nur heiter.
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Wie geht’s dir?

Neulich traf ich eine Freundin und fragte sie, wie es ihr geht.
Ihre Antwort hat mich lange beschäftigt.

***

„Ja hallo!“, hab ich dich begrüßt,
dich strahlend fest gedrĂĽckt.
„Wie geht’s dir?“, hab ich dich gefragt,
noch immer ganz verzĂĽckt.

„Gut“, hast du zurückgegeben
und dabei noch genickt.
Doch deine Augen sagten mir:
„Gut“ hieß in echt „Bedrückt!“.

Da standen wir nun, du und ich,
schweigend voreinander.
Das „Gut“ hing bleischwer in der Luft,
wir beide – durcheinander.

Ich zögerte und wusste nicht,
ob du reden magst;
ob ich nachhaken und bohren sollte
oder darauf warten, dass du etwas sagst.

„Lass uns doch mal wieder ´nen Kaffee trinken“,
schlug ich dir schlieĂźlich vor.
„Oh ja, super gerne!“, strahltest du,
von einem zum anderen Ohr.

So haben wir uns gedrĂĽckt und verabschiedet
und ich lief grĂĽbelnd weiter.
Warum sagen wir so automatisch „Gut“?
Das Leben ist doch nicht immer nur heiter.

Dein „Gut“ lässt mich noch immer nicht wirklich völlig los.
Denn dass du dachtest, du mĂĽsstest es sagen,
macht mir noch heute einen KloĂź.
Einen dicken KloĂź im Hals und einen Knoten tief im Magen.

Das nächste Mal, das verspreche ich dir,
da werd ich genauer fragen.

Eine Kurzgeschichte ĂĽber (m)eine Stempelliebe.
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Die Oma hat es vorgemacht

In den Rollcontainern in meinem Homeoffice lagert allerlei Professionelles – von Textmarkern und Büroklammern bis hin zu Steuerbelegen. Drei Schubladen gehören aber einer (nicht wirklich) geheimen Liebe von mir: Stempeln. In verschiedensten Größen und mit ganz unterschiedlichen Motiven. Als ich heute in den Schubladen gewühlt habe, ist mir diese (wirklich kurze) Kurzgeschichte zur Stempelliebe wieder eingefallen.

***

Oh, wie schön das früher war!
Stempeln war für Sofie schon immer das Größte.

Als sie noch klein war, arbeitete ihre Oma bei der Post.
Da wurden Briefe noch von Hand gestempelt.
Die Oma hat es vorgemacht: Den Stempel fest auf das Stempelkissen drücken und mit zusammengekniffenen Augen sorgfältig prüfen, ob sich die tiefschwarze Stempelfarbe tatsächlich gleichmäßig verteilt hat.
Dann den Stempel vorsichtig auf den Umschlag pressen.
Kräftig genug, damit alles zu lesen war, aber niemals, niemals mit Gewalt.

Und: „Immer schauen, dass die Briefmarke noch gut aussieht. Nicht einfach ĂĽber Gesichter stempeln“, hat die Oma Sofie augenzwinkernd eingeprägt.
„Vielleicht hat sich jemand viel Mühe gegeben und für einen lieben Menschen genau diese Marke ausgesucht.
Oder es ist ein offizieller Brief, der an einen strengen Vorgesetzten geht. Dem fällt ein schlampiger Stempel bestimmt sofort auf. Und dann hat er schlechte Laune und schimpft seine armen Mitarbeiter wegen Nichtigkeiten aus.“

Sofies Oma hatte nie schlechte Laune.
Sie wartete geduldig ab, bis Sofie auf den viel zu hohen Stuhl geklettert war.
Sie sah schmunzelnd zu, wie Sofie mit der schwarzen Tinte ihre kleinen Finger beschmierte, aber niemals die gute Post.
Und sie hörte stundenlang zu, wie Sofie sich abenteuerliche Geschichten zu den Briefen und den Menschen dahinter ausdachte.

Als ihre Oma starb, wollte Sofie nur ein einziges Erbstück haben: Den wunderschönen Stempel, den der Filialleiter der Oma einmal zum Betriebsjubiläum geschenkt hatte.
„Weil niemand sonst so sorgfältig stempelt“, hatte er erklärt. Und weil niemand sonst dieses kleine Glück so zu schätzen wusste.
Niemand auĂźer Sofie.
Denn der hüpft heute noch das Herz, wenn sie den Stempel andächtig aufs Papier presst.

Jonas' Sinnsuche: Eine kurze Sinngeschichte
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Jonas steht im Wald

Es ist Sonntagabend, 18.30 Uhr, und Jonas steht im Wald.
Wortwörtlich, weil er sich allen Ernstes beim Joggen ganz mächtig verlaufen hat und das angeblich so smarte Smartphone natürlich gerade jetzt kein Netz hat.
Aber durchaus auch sprichwörtlich. Weil Jonas nächste Woche 33 wird, immer noch „irgendwas mit Medien“ macht und ihm kein Podcast dieser Welt bisher erklären konnte, wo es für ihn ganz konkret hingehen und wie es für ihn weitergehen soll.

Jonas atmet zweimal tief durch, beobachtet die Wolken, die sein Atem in der kalten Waldluft bildet, und zieht sich schließlich die ebenso stylischen wie teuren XXL-Kopfhörer von den Ohren.
Gerade hat er sich noch erklären lassen, wie er „die Erfolgsspur kristallklar visualisieren“ und sich damit „an allen anderen vorbei zum Erfolg katapultieren“ kann.
Schade nur, dass er gar nicht weiĂź, wie genau Erfolg fĂĽr ihn aussieht. Und wohin er sich katapultieren soll.

Der geleaste schwarze Audi roch kurzfristig nach Erfolg.
Nach wenigen Wochen hatte sich das aber genauso verflĂĽchtigt wie der schicke Neuwagenduft.

Also investierte Jonas in eine Luxusuhr.
Die 26.000-Euro-Rolex lieĂź ihn zweifelsohne so richtig erfolgreich aussehen.
Jedenfalls für eine Woche. Danach schien ihn der Klunker an seinem Handgelenk förmlich zu Boden zu ziehen und ihn sekündlich daran zu erinnern, dass seine Zeit abläuft.
Dass er nicht mehr viel Zeit hat, endlich loszulegen. Und so richtig sein „Best Life“ zu leben.

Selbst der Urlaub auf Bali, den Jonas daraufhin für sich und „Babe“ buchte, war im Nachhinein ein Reinfall.
Seine Freundin hatte häufiger auf ihr Handy geschaut als in seine Augen und sich deutlich mehr für Instagram-Herzchen als für Real-Life-Herzklopfen interessiert.
Auf dem Heimflug hatte sie noch unter dem Hashtag „leavingparadise“ ein Bild mit Schmolllippe gepostet (natürlich mehr sexy als traurig), und während er sich die Schlafmaske aufsetzte und den Sitz zurückstellte, hatte er nur „#paradisemyass“ gedacht und sich ganz fest vorgenommen, etwas zu verändern.

Fast fünf Wochen später hat er immer noch keine Ahnung, was genau er ändern soll.
Geschweige denn, wie.

So steht er da also, mitten im Wald, schaut abwechselnd nach rechts und nach links und fragt sich immer wieder, wohin.

Er atmet ein, er atmet aus, und setzt sich in Bewegung.

Wenn man nicht weiĂź, wo es hingehen soll, bleibt schlieĂźlich nur eins:
Augen zu.
Und ab durch die Mitte.

Eine kleine aufmunternde Geschichte fĂĽr alle Sorgen-Susis
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SorgenerdrĂĽckte wie sie

Das Leben ist ja bekanntlich ein Auf und Ab.
Dieses Jahr war über weite Strecken leider ausschließlich ein Ab, und ich habe mir oft ziemliche Sorgen gemacht. 

Diesen Text widme ich den Sorgen.

***

Sie schlieĂźt kurz die Augen, atmet tief durch und beschlieĂźt, sich nicht umzudrehen.

„Warum ist die Frau so langsam?“, hatte ein Stimmchen hinter ihr lauthals gekräht und eine ältere Stimme hatte geantwortet: „Weil sie alt ist. Hetz sie nicht, das ist nicht nett.“

„Jemanden alt zu nennen, ist auch nicht nett“, gibt sie im Geiste zu bedenken und legt vorsichtig ein Paket Frischkäse aufs Kassenband.

Das krähende Stimmchen ist noch nicht fertig mit ihr: „Ist sie deshalb auch so krumm?“
„Psst!“, macht die ältere Stimme und flüstert scharf und für ein Flüstern schlichtweg viel zu laut: „So was sagt man doch nicht laut. Aber ja, alte Menschen haben oft krumme Rücken.“

„Aber keine tauben Ohren“, erwidert sie wieder nur innerlich und legt drei abgezählte, abgewogene und etikettierte Äpfel aufs Band.

Mit der Zeit ist sie mĂĽde geworden.

Müde, den Leuten immer wieder zu erklären, dass es nicht ist, wie es offenbar scheint.

Dass sie gar nicht alt ist und erst recht nicht alterskrumm.
Dass sie jahrelang von Arzt zu Arzt gerannt ist.
Dass ihr trotzdem niemand sagen konnte, was mit ihr nicht stimmt.

Dass sie immer krummer wurde.
Immer faltiger.
Und immer grauer.

Dass sie vor acht Monaten plötzlich nur noch schlurfen konnte.
Und morgens oft so kraftlos war, dass sie sich kaum aus dem Bett quälen konnte.

Die Ă„rzte hatten noch einmal alles untersucht, was sie nur untersuchen konnten.
Hatten sie auf alles getestet, was ihnen auch nur im Entferntesten einfiel.
Und ihr so viel Blut dabei abgenommen, dass sie Badewannen hätten füllen können.

Hinter den vielen groĂźen Worten stand am Ende immer nur ein Ergebnis:
Niemand wusste, was mit ihr nicht stimmt.

Bis sich ein Arzt räusperte und verlegen auf den Boden schaute, während er erklärte: „Eigentlich sollte ich es nicht sagen. Aber wenn ich es nicht besser wüsste … Dann würde ich sagen, Sie sorgen sich einfach zu viel.“

„Was?“, hatte sie ungläubig gefragt.
Er hatte kurz gezögert und dann gesagt: „Glauben Sie mir, ich weiß, wie das klingt. Gerade ich als Arzt. Aber körperlich sind Sie kerngesund. Ihre Sorgen machen Sie krank.“

Sie starrte ihn an und wusste nicht, was sie antworten sollte.
„Überlegen Sie doch mal“, versuchte er es noch einmal, „die Falten in Ihrem Gesicht. Mit Mitte 20. Das sind klassische Sorgenfurchen.
Die dauerhaft nach unten gezogenen Mundwinkel. Und der gramgebeugte RĂĽcken.
Sie werden von Ihren Sorgen erdrückt.“

Empört war sie aus dem Untersuchungszimmer geschlurft – und hatte sich gesorgt.

Was, wenn der Arzt tatsächlich Recht hatte?
Was, wenn ihre Sorgen sie krankmachten?
Was, wenn sie nicht aufhören konnte, sich zu sorgen?
Was, wenn ihre Sorgen sie umbrachten?

Zwei Wochen rang sie jede Minute mit sich und machte sich noch mehr Sorgen als sonst.
Sie wurde noch faltiger, noch grauer und noch krummer.
Als das Telefon klingelte und sie ein Reporter zu ihrer „kuriosen Krankheit“ befragen wollte, da spürte sie förmlich, wie sich die nächsten Sorgenfalten in ihr Gesicht gruben.

Sie hatte einfach aufgelegt und war im Schneckentempo in den Supermarkt geschlurft. 
Und da steht sie nun an der Kasse, mit körnigem Frischkäse, abgezählten Äpfeln und der quietschigen Kinder-Krähstimme hinter sich.

Während sie sich gerade sorgt, ob sie noch genug Bargeld im Portemonnaie hat (und wenn nicht, ob ihr wohl ihre PIN einfallen oder sie alles blockieren und den Zorn der anderen Einkäufer auf sich ziehen wird), macht es hinter ihr laut „Hatschi!“.

Sie erstarrt zur gramgebeugten Salzsäule.

Ihr Nacken ist nass und klebt, und vor lauter Ekel und Sorge vor Bakterien, bekommt sie sofort Gänsehaut.
Langsam dreht sie sich um.

Hinter ihr steht ein kleiner rothaariger Junge im leuchtend grĂĽnen Hulk-T-Shirt, der sie aus riesengroĂźen Kulleraugen starr vor Schreck ansieht.
Und während der sommersprossige Knirps die Luft anhält, rollt ihm wie in Zeitlupe ein dicker Knubbel Schnodder aus der Nase.

Glitschig und grünlich und fürchterlich rollt der Glibber-Knubbel Millimeter für Millimeter abwärts und lässt den schreckensstarren sommersprossigen Mini-Hulk dermaßen skurril aussehen, dass sie nicht mehr an sich halten kann.

Sie prustet los und spuckt und lacht und kriegt sich nicht mehr ein.
Sie hält sich den Bauch und japst nach Luft und kann nicht aufhören zu lachen.

Der Schnodder-Knirps erwacht aus seiner Starre und lacht mit seinem Krähstimmchen mit.
Dann stimmt auch seine Mutter mit ein und gemeinsam stecken sie zuerst die Kassiererin und dann jeden anderen im Umkreis von 5 Metern um die Kasse an.

Sie lachen und lachen, und halten sich die Bäuche und schütten sich förmlich aus.
Während ihr die Lachtränen die Wangen hinunterlaufen, spürt sie es plötzlich:
Aus zwei Sorgenfurchen im unteren Drittel am linken Auge werden auf wundersame Weise zwei kleine, feine Lachfältchen.

Da lacht sie noch lauter und biegt sich noch krummer und hält sich den Bauch noch fester.
Es gibt also doch noch Hoffnung.
Selbst fĂĽr SorgenerdrĂĽckte wie sie.

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Die anderen. Und ich.

Vergleichen macht unglĂĽcklich. Das weiĂź ich.
Trotzdem passiert es mir immer wieder. 

***

Während andere schicke Häuser bauen
und mit Freude nur nach vorne schauen,
frage ich mich, wo ich falsch abgebogen bin. 

Während andere ein Selfie schießen
und den nächsten Meilenstein begießen,
frage ich mich, was ich überhaupt als Nächstes will.

Während andere die Sterne zählen
liege ich nachts wach und liste, was ich gerne täte,
doch am Ende belasse ichs dabei.

Und während andere sich weiter treiben,
höher, weiter, niemals stehen bleiben,
liege ich im Pyjama auf der Couch.

Vielleicht verpasse ich das Leben,
vielleicht leb ich aber auch ein Leben,
das so viel besser zu mir passt.

Denn vielleicht ist das ja das Geheimnis,
das mehr ernĂĽchternd als geheim ist:
DAS Leben, das gibt es einfach nicht.
Und was mich im Leben glĂĽcklich macht,
weiĂź leider und zum GlĂĽck wirklich nur ich.

W Was wirklich fehlt
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Was wirklich fehlt

Neulich habe ich einen Kuli verloren und seitdem ziemlich Herzschmerz.
Es war nämlich nicht bloß irgendein Kuli, sondern ein geerbter Schatz, der für mich unersetzbar ist.
Deshalb dieser Text.

***

Immer, wenn ich dich besuchte, lag irgendwo in deinem kleinen Zimmer dieser eine blaue Stift. Dein königsblauer Kugelschreiber.
Er thronte auf dem winzigen Esstisch, den wir dir besorgt hatten, weil er genau vor das Fenster passte und dir so kaum Platz wegnahm. Oder er lag auf dem Fernsehschränkchen, sorgfältig und exakt mittig an ein paar Zeitschriften geklemmt.
„Der schreibt wirklich am allerbesten“, hast du mir immer wieder gesagt, „und er liegt ganz prima in der Hand.“ Je schwerer dir das Greifen und Schreiben fiel, desto wichtiger wurde dir das.

Du hast unzählige Kreuzworträtsel mit deinem königsblauen Kuli gelöst und dich durch jedes Rätselheft geknobelt, das wir dir mitbrachten.
Du hast Worte erraten, die ich nicht mal kannte. Dann hast du geschmunzelt und „Ach, na ja …“ gesagt, weil du so schnell verlegen und sowieso immer bescheiden warst.

Du hast kleine Einkaufslisten geschrieben, zumindest dann, wenn ich dich dazu ĂĽberreden konnte.
„Nein, es macht keine Umstände!“, musste ich dir mindestens dreimal versichern und mehrmals ergänzen: „Ich mache das gerne. Wirklich. Doch, ganz ehrlich. Fest versprochen!“
Dann bin ich mit deinem Zettelchen in der Hand ĂĽber die StraĂźe zum Supermarkt spaziert und habe dir all das geholt, was du im Pflegeheim vermisst hast.
Jedes Teil hast du inspiziert, dich immer wieder dafĂĽr bedankt und mir am Ende viel zu viel Geld in die Hand gedrĂĽckt.

Immer wieder hast du mir mit deinem königsblauen Kuli Briefe geschrieben, obwohl jeder Brief ein Akt war.
„Es geht nicht mehr so leicht wie früher. Die Schrift ist auch nicht mehr so schön. Früher, da konnte ich anständig schreiben. Jetzt ist es nur noch Gekritzel.“
Während du geseufzt und auf deine Hände geschaut hast, saß ich kopfschüttelnd daneben.
Für mich war es noch immer die schönste Schrift, sorgsam und edel und klar.

Was haben wir uns gern geschrieben!
Jede meiner Karten hast du gesammelt und mir beim nächsten Besuch strahlend gezeigt.
„Dass du immer so an mich denkst!“, hast du gestaunt und lächelnd den Kopf geschüttelt.
Und ich habe ehrlich geantwortet: „Ich denke sogar noch viel öfter an dich. So oft kann ich dir gar nicht schreiben.“

Und dann? 
Dann konnte ich dir nicht mehr schreiben.


Denn du warst nicht mehr da.

 

Da stand ich in deinem Zimmer, ohne dich, und packte als Erstes den Stift ein.
Deinen königsblauen Kuli, der jetzt meiner war. Ein kleines, buntes Stück von dir, das immer bei mir blieb. Auf meinem Schreibtisch, der genau vor das Fenster passt. Oder auf unserem großen Esstisch.

Wann immer ich diesen Stift in den Händen hielt, habe ich an dich gedacht.
Selbst wenn ich nichts zu lachen hatte: Sobald ich mit dem Kuli zu schreiben begann, musste ich wie von Zauberhand lächeln.
Ich schrieb Geburtstagskarten oder Briefe an Freunde.
Notizen und Einkaufslisten.
Und setzte Unterschriften unter wichtige Dokumente.

Immer warst du irgendwie dabei.
Und immer habe ich deinen Stift wie einen Schatz gehĂĽtet.
Nur einmal habe ich ihn mit in die Welt genommen; sorgfältig und exakt mittig an eine Mappe geklemmt.
Als ich abends zu Hause war, war unser Stift verschwunden.

Der königsblaue Kuli war weg und mein Herz rutschte in die Hose.
Ich habe fieberhaft nach ihm gesucht, ĂĽberall herumgefragt und ihn trotzdem nicht gefunden.

WĂĽtend war ich; wĂĽtend auf mich, dass ich ihn ĂĽberhaupt mit nach drauĂźen genommen hatte.
Dann traurig, dass ich so unaufmerksam war.
Und schließlich verzweifelt, weil sich nicht mehr leugnen ließ: Er ist tatsächlich weg. Und ich bekomme ihn nie wieder.
Ebenso wenig wie dich.

 

Was wirklich fehlt, ist nicht der Stift.
Was wirklich fehlt, bist du.

Und das wird immer so bleiben.

Regenliebe R
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Regenliebe

Der eine oder andere beschwert sich ja gerne mal ĂĽber den Regen, gerade jetzt im Sommer.
Ich nicht. Nicht mal ein bisschen. Kein StĂĽck.

***

Ihr liebt den Sommer, die Sonne, die Wärme.
Ihr strahlt, sobald die Sonne lacht.

Ich?
Ich liebe den Regen.

Ich liebe die Wolken, zartgrau bis tiefschwarz,
aus denen kĂĽhle Tropfen dick und schwer zur Erde purzeln.

Ich liebe das satte Dunkelgrün der Bäume
und den klaren Regenduft.

Ich liebe die Glitzerpunkte auf meiner Brille,
durch die die Welt ganz anders wirkt.

Ich liebe es, quiekend durch Schauer zu rennen,
mit hochgezogenen Schultern, vom Auto ins Haus.

Ich lieber unser atemloses Lachen,
sobald wir beide im Trockenen sind.

Ich liebe das warme, weiche Handtuch,
das du mir fĂĽr meine Haare reichst.

Ich liebe den duftenden, dampfenden Tee,
den du lächelnd für uns kochst.

Ich liebe das Trommeln auf den Dachfenstern,
während wir uns tiefer in die Decke kuscheln
und der Kater leise schnurrt.

Ihr liebt den Sommer, die Sonne, die Wärme.
Ihr strahlt, sobald die Sonne lacht.

Ich?
Ich liebe den Regen.

Weil er alles lebendig macht.

Keinen Freund auf dieser Welt
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Keinen Freund auf dieser Welt

Die allererste Kurzgeschichte auf diesem Blog ist die Geschichte von Gitte.
Gleichzeitig ist sie aber auch meine Geschichte. Oder genauer gesagt: (m)eine Geschichte davon, wie nah Triumph und Niederlage beieinander liegen.

Die kleine Erzählung war mein Beitrag zu einem Schreibwettbewerb mit dem Thema „Unter Freunden“. Ewig habe ich überlegt, was ich dazu erzählen könnte, sollte, wollte. Dann habe ich ewig und drei Tage mit dem Text gerungen.
Ich habe verzweifelt versucht, die Tastatur zu hypnotisieren, frustrierte „Gnaaah!“-Laute ausgestoßen, das Schreiben an sich und mein Schreiben im Besonderen verflucht und zwischendurch ungefähr 13 mal entschieden, dass diese Geschichte eben niemals zu Ende erzählt werden wird.
Wurde sie dann doch – und ich war stolz wie Bolle. Oder Oskar. Oder wer auch immer sonst besonders stolz ist.

Da stand ich also, freudentaumelig-glücklich, vor fertig abgezählten Papierstapeln, hochmotiviert und endlich bereit, alles einzutüten und loszuschicken. Und als ich nach der Anschrift suchte, stellte ich plötzlich fest: Ich hatte den Einsendeschluss bereits um 5 Tage verpasst.
Tja.
Suboptimal.

Gittes Geschichte soll und muss aber trotzdem hinaus in die Welt.
Und deshalb erzähle ich sie euch.

***

Gitte ist 93 Jahre alt und hat keinen Freund auf dieser Welt. Nicht einen einzigen.

Nicht, weil alle gestorben wären, auch wenn die Jüngeren das automatisch annehmen, wenn sie mitleidig flüsternd über Gitte sprechen und kopfschüttelnd schwermütig seufzen.
Als sei Gitte die letzte Schreibmaschine ganz hinten im Keller, die einfach nur nicht weiß, dass es sie längst nicht mehr geben dürfte.
Gitte gibt es noch immer. Und sie hat keinen einzigen Freund, weil niemand ihr Freund sein will.

Nun sieht Gitte gar nicht aus, wie man sich einen Mensch ohne Freunde gemeinhin so vorstellt.
Sie hat keine Zornesfalten, keine abschätzigen Augen und keine vergrämten Züge.
Sie ist freundlich zu jedem, denkt nicht einmal Böses und frisst schon gar keine Kinder.
Und doch ist sie ganz allein auf der Welt, ohne einen einzigen Freund.

Als Gitte gerade 11 Jahre alt war, da dachte sie, sie hätte eine Freundin. Vielleicht sogar eine beste.
Aber dann hatte Gitte ehrlich geantwortet, dass dem kurzsichtigen Mädchen die neue Brille nicht stand die vermeintliche Freundin hatte unter Tränen geschrien: „Eine echte Freundin sagt so etwas nicht!“
So hatte Gitte gelernt, dass man unter Freunden vielleicht schwor, keine Geheimnisse zu haben, aber manches doch besser verschwieg.

Mit 24 Jahren dachte sie, sie hätte ihren Seelenverwandten gefunden. Friedrich hieß er und oh, wie hatte er sie verzaubert.
Ein stattlicher junger Mann mit tiefblauen Augen, der mit seinem Vater Brieftauben züchtete und die fliegenden Boten mit schönsten Briefen zur hoffnungsvollen Gitte schickte.
Als Gitte ihm schließlich ihre Liebe gestand, kam lange keine Taube. Es kam nur noch einmal eine zu ihr, mit einem Zettel, auf dem stand: „Ich wünschte so sehr, wir könnten zurück und wieder Freunde sein.“
Und so hatte Gitte schmerzlich gelernt, dass Freundschaft vielleicht auch eine Art von Liebe war, aber sie ihre doch besser verschwieg.

Mit 59 Jahren hatte die verunsicherte Gitte eine Gleichgesinnte gefunden.
Auch sie war Künstlerin, auch sie liebte schwere Ketten und weit schwingende Kleidung und auch sie wusste Rotwein zu schätzen.
So teilten sie sich viele Flaschen an vielen Abenden, malten Bilder, so gut wie noch nie und vertrauten sich allerhand an. Die vorsichtige Gitte schöpfte neuen Mut. Bis sich ihre Bilder viel besser verkauften und die vermeintliche Vertraute von der Eifersucht gepackt wurde.
Mitten auf Gittes Vernissage erklärte sie vor allen: „Gitte hat eben viel Zeit zum Malen, sie wurde ja von allen verlassen.“
So lernte Gitte, dass Freunde einander vielleicht stärker machten, aber sie Schwachpunkte besser verschwieg.

Zwanzig weitere Jahre gingen ins Land und mit jedem Jahr kamen neue Falten. Irgendwann sahen Gittes Hände aus wie die Äste der knorrigen Kastanie in ihrem großen Garten.
Das Malen musste sie aufgeben. Und während die Kastanie Jahr für Jahr neu erblühte, verließ Gitte zusehends das Leben.
Mit 79 Jahren verkaufte sie ihr Haus und verpflanzte sich selbst in ein Heim.
Wie angewurzelt saß sie dort tagein, tagaus auf ihrem Fernsehsessel und wartete darauf, dass das Ende kommen möge.

So wartet Gitte nun seit 14 Jahren.
Sie hat keine Zornesfalten, keine abschätzigen Augen und keine vergrämten Züge.
Sie ist freundlich zu jedem, denkt nicht einmal Böses und frisst schon gar keine Kinder.
Und doch ist sie ganz allein auf der Welt, ohne einen einzigen Freund.

Gitte hat gelernt, zu schweigen.