Jonas' Sinnsuche: Eine kurze Sinngeschichte
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Jonas steht im Wald

Es ist Sonntagabend, 18.30 Uhr, und Jonas steht im Wald.
Wortwörtlich, weil er sich allen Ernstes beim Joggen ganz mĂ€chtig verlaufen hat und das angeblich so smarte Smartphone natĂŒrlich gerade jetzt kein Netz hat.
Aber durchaus auch sprichwörtlich. Weil Jonas nĂ€chste Woche 33 wird, immer noch „irgendwas mit Medien“ macht und ihm kein Podcast dieser Welt bisher erklĂ€ren konnte, wo es fĂŒr ihn ganz konkret hingehen und wie es fĂŒr ihn weitergehen soll.

Jonas atmet zweimal tief durch, beobachtet die Wolken, die sein Atem in der kalten Waldluft bildet, und zieht sich schließlich die ebenso stylischen wie teuren XXL-Kopfhörer von den Ohren.
Gerade hat er sich noch erklĂ€ren lassen, wie er „die Erfolgsspur kristallklar visualisieren“ und sich damit „an allen anderen vorbei zum Erfolg katapultieren“ kann.
Schade nur, dass er gar nicht weiß, wie genau Erfolg fĂŒr ihn aussieht. Und wohin er sich katapultieren soll.

Der geleaste schwarze Audi roch kurzfristig nach Erfolg.
Nach wenigen Wochen hatte sich das aber genauso verflĂŒchtigt wie der schicke Neuwagenduft.

Also investierte Jonas in eine Luxusuhr.
Die 26.000-Euro-Rolex ließ ihn zweifelsohne so richtig erfolgreich aussehen.
Jedenfalls fĂŒr eine Woche. Danach schien ihn der Klunker an seinem Handgelenk förmlich zu Boden zu ziehen und ihn sekĂŒndlich daran zu erinnern, dass seine Zeit ablĂ€uft.
Dass er nicht mehr viel Zeit hat, endlich loszulegen. Und so richtig sein „Best Life“ zu leben.

Selbst der Urlaub auf Bali, den Jonas daraufhin fĂŒr sich und „Babe“ buchte, war im Nachhinein ein Reinfall.
Seine Freundin hatte hĂ€ufiger auf ihr Handy geschaut als in seine Augen und sich deutlich mehr fĂŒr Instagram-Herzchen als fĂŒr Real-Life-Herzklopfen interessiert.
Auf dem Heimflug hatte sie noch unter dem Hashtag „leavingparadise“ ein Bild mit Schmolllippe gepostet (natĂŒrlich mehr sexy als traurig), und wĂ€hrend er sich die Schlafmaske aufsetzte und den Sitz zurĂŒckstellte, hatte er nur „#paradisemyass“ gedacht und sich ganz fest vorgenommen, etwas zu verĂ€ndern.

Fast fĂŒnf Wochen spĂ€ter hat er immer noch keine Ahnung, was genau er Ă€ndern soll.
Geschweige denn, wie.

So steht er da also, mitten im Wald, schaut abwechselnd nach rechts und nach links und fragt sich immer wieder, wohin.

Er atmet ein, er atmet aus, und setzt sich in Bewegung.

Wenn man nicht weiß, wo es hingehen soll, bleibt schließlich nur eins:
Augen zu.
Und ab durch die Mitte.

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