Eine kleine aufmunternde Geschichte fĂĽr alle Sorgen-Susis
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SorgenerdrĂĽckte wie sie

Das Leben ist ja bekanntlich ein Auf und Ab.
Dieses Jahr war über weite Strecken leider ausschließlich ein Ab, und ich habe mir oft ziemliche Sorgen gemacht. 

Diesen Text widme ich den Sorgen.

***

Sie schlieĂźt kurz die Augen, atmet tief durch und beschlieĂźt, sich nicht umzudrehen.

„Warum ist die Frau so langsam?“, hatte ein Stimmchen hinter ihr lauthals gekräht und eine ältere Stimme hatte geantwortet: „Weil sie alt ist. Hetz sie nicht, das ist nicht nett.“

„Jemanden alt zu nennen, ist auch nicht nett“, gibt sie im Geiste zu bedenken und legt vorsichtig ein Paket Frischkäse aufs Kassenband.

Das krähende Stimmchen ist noch nicht fertig mit ihr: „Ist sie deshalb auch so krumm?“
„Psst!“, macht die ältere Stimme und flüstert scharf und für ein Flüstern schlichtweg viel zu laut: „So was sagt man doch nicht laut. Aber ja, alte Menschen haben oft krumme Rücken.“

„Aber keine tauben Ohren“, erwidert sie wieder nur innerlich und legt drei abgezählte, abgewogene und etikettierte Äpfel aufs Band.

Mit der Zeit ist sie mĂĽde geworden.

Müde, den Leuten immer wieder zu erklären, dass es nicht ist, wie es offenbar scheint.

Dass sie gar nicht alt ist und erst recht nicht alterskrumm.
Dass sie jahrelang von Arzt zu Arzt gerannt ist.
Dass ihr trotzdem niemand sagen konnte, was mit ihr nicht stimmt.

Dass sie immer krummer wurde.
Immer faltiger.
Und immer grauer.

Dass sie vor acht Monaten plötzlich nur noch schlurfen konnte.
Und morgens oft so kraftlos war, dass sie sich kaum aus dem Bett quälen konnte.

Die Ă„rzte hatten noch einmal alles untersucht, was sie nur untersuchen konnten.
Hatten sie auf alles getestet, was ihnen auch nur im Entferntesten einfiel.
Und ihr so viel Blut dabei abgenommen, dass sie Badewannen hätten füllen können.

Hinter den vielen groĂźen Worten stand am Ende immer nur ein Ergebnis:
Niemand wusste, was mit ihr nicht stimmt.

Bis sich ein Arzt räusperte und verlegen auf den Boden schaute, während er erklärte: „Eigentlich sollte ich es nicht sagen. Aber wenn ich es nicht besser wüsste … Dann würde ich sagen, Sie sorgen sich einfach zu viel.“

„Was?“, hatte sie ungläubig gefragt.
Er hatte kurz gezögert und dann gesagt: „Glauben Sie mir, ich weiß, wie das klingt. Gerade ich als Arzt. Aber körperlich sind Sie kerngesund. Ihre Sorgen machen Sie krank.“

Sie starrte ihn an und wusste nicht, was sie antworten sollte.
„Überlegen Sie doch mal“, versuchte er es noch einmal, „die Falten in Ihrem Gesicht. Mit Mitte 20. Das sind klassische Sorgenfurchen.
Die dauerhaft nach unten gezogenen Mundwinkel. Und der gramgebeugte RĂĽcken.
Sie werden von Ihren Sorgen erdrückt.“

Empört war sie aus dem Untersuchungszimmer geschlurft – und hatte sich gesorgt.

Was, wenn der Arzt tatsächlich Recht hatte?
Was, wenn ihre Sorgen sie krankmachten?
Was, wenn sie nicht aufhören konnte, sich zu sorgen?
Was, wenn ihre Sorgen sie umbrachten?

Zwei Wochen rang sie jede Minute mit sich und machte sich noch mehr Sorgen als sonst.
Sie wurde noch faltiger, noch grauer und noch krummer.
Als das Telefon klingelte und sie ein Reporter zu ihrer „kuriosen Krankheit“ befragen wollte, da spürte sie förmlich, wie sich die nächsten Sorgenfalten in ihr Gesicht gruben.

Sie hatte einfach aufgelegt und war im Schneckentempo in den Supermarkt geschlurft. 
Und da steht sie nun an der Kasse, mit körnigem Frischkäse, abgezählten Äpfeln und der quietschigen Kinder-Krähstimme hinter sich.

Während sie sich gerade sorgt, ob sie noch genug Bargeld im Portemonnaie hat (und wenn nicht, ob ihr wohl ihre PIN einfallen oder sie alles blockieren und den Zorn der anderen Einkäufer auf sich ziehen wird), macht es hinter ihr laut „Hatschi!“.

Sie erstarrt zur gramgebeugten Salzsäule.

Ihr Nacken ist nass und klebt, und vor lauter Ekel und Sorge vor Bakterien, bekommt sie sofort Gänsehaut.
Langsam dreht sie sich um.

Hinter ihr steht ein kleiner rothaariger Junge im leuchtend grĂĽnen Hulk-T-Shirt, der sie aus riesengroĂźen Kulleraugen starr vor Schreck ansieht.
Und während der sommersprossige Knirps die Luft anhält, rollt ihm wie in Zeitlupe ein dicker Knubbel Schnodder aus der Nase.

Glitschig und grünlich und fürchterlich rollt der Glibber-Knubbel Millimeter für Millimeter abwärts und lässt den schreckensstarren sommersprossigen Mini-Hulk dermaßen skurril aussehen, dass sie nicht mehr an sich halten kann.

Sie prustet los und spuckt und lacht und kriegt sich nicht mehr ein.
Sie hält sich den Bauch und japst nach Luft und kann nicht aufhören zu lachen.

Der Schnodder-Knirps erwacht aus seiner Starre und lacht mit seinem Krähstimmchen mit.
Dann stimmt auch seine Mutter mit ein und gemeinsam stecken sie zuerst die Kassiererin und dann jeden anderen im Umkreis von 5 Metern um die Kasse an.

Sie lachen und lachen, und halten sich die Bäuche und schütten sich förmlich aus.
Während ihr die Lachtränen die Wangen hinunterlaufen, spürt sie es plötzlich:
Aus zwei Sorgenfurchen im unteren Drittel am linken Auge werden auf wundersame Weise zwei kleine, feine Lachfältchen.

Da lacht sie noch lauter und biegt sich noch krummer und hält sich den Bauch noch fester.
Es gibt also doch noch Hoffnung.
Selbst fĂĽr SorgenerdrĂĽckte wie sie.

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